Evangelische Kirche : Jetzt muss Martin Luther ran

Deutschland streitet leidenschaftlich über religiöse Kopfbedeckungen, und der Buchmarkt feiert einen mittelalterlichen Mönch als „einen von uns“. Himmel hilf! Ein Kommentar

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Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde.
Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde.Foto: dpa

Der deutsche Buchmarkt feiert einen mittelalterlichen Mönch. In den Feuilletons wird leidenschaftlich über religiöse Kleidervorschriften gestritten. Wie säkular ist Deutschland eigentlich?

Die Durchsicht der gängigen Verlagskataloge für den Herbst 2016 ergibt über 50 Biografien, Essays und Analysen, Einführungen und Ableitungen, Bildbände und Kalender über Martin Luther und die von ihm angestoßene Reformation. Die theologische Fachliteratur ist da noch gar nicht mitgezählt. Es handelt sich nicht etwa um schmale Bändchen, sondern viele der Neuerscheinungen umfassen mehrere hundert Seiten.

Und das ist erst der Anfang. Luther hat seine Thesen 1517 veröffentlicht. Das jährt sich im kommenden Jahr zum 500sten Mal. Die Verlage werden im Frühjahr vermutlich noch einmal nachlegen. Am bunten Luther-Reigen beteiligen sich nicht nur auf religiöse Themen spezialisierte Häuser, sondern auch große Publikumsverlage und theologieferne Klein- und Kleinstverlage. Wer was auf sich hält, so scheint es, bringt jetzt einen Luther heraus.

Es gibt „Luther für Eilige“, „Luther für Neugierige“ und „Luther herzhaft“, es gibt den „katholischen Luther“, „Luther aus der Nähe“, die „Erlösten und Verdammten“ und Luthers Leben als „Thriller“. Luther ist der „Prophet der Freiheit“, der „Befreite“, „der Teufelskerl“ oder einfach der „Mensch Luther“. Die einen wollen „Zurück zu Luther“, andere erinnern an das „Verhängnis Reformation“ und den „deutschen Glaubenskrieg“.

Luthers Sprache, Luthers Humor und Luthers Ausfälle werden beleuchtet, sein Hass auf Juden untersucht, seine Verachtung für Muslime und Bauern eingeordnet und seine Verbindung zu den Größen seiner Zeit nachgezeichnet. Albrecht Dürer bewunderte ihn, so ist zu erfahren, Heinrich VIII. hasste ihn so sehr, dass er gegen ihn sogar die römische Kirche und den Papst verteidigte.

Ein Berliner Medizinprofessor analysiert Luthers Magen- und Darmprobleme und seine Adipositas. Eine Psychoanalytikerin legt ihn auf die Couch und fragt nach seinem Verhältnis zum Vater. Sind die autoritäre Erziehung und die Schläge in der Kindheit Grund für den Widerstand gegen Papst und Kaiser? War Luther manisch-depressiv? Ist die Reformation gar das Werk eines Wahnsinnigen?

So viel scheint festzustehen: „Luther ist einer von uns“. So springt es den Leser von Klappentexten und Buchvorankündigungen an. Christian Geyer untersucht die Auswirkungen des Reformators auf die deutsche Psyche, Pfarrersohn Georg Diez schreibt über „Luther, mein Vater und ich“, für Willi Winkler ist Luther der „größte Rebell, den die deutsche Geschichte aufzuweisen hat“, und derjenige, der den Deutschen „zum ersten Mal einen Begriff von der Individualität des Menschen gab“. Auch für Klaus-Rüdiger Mai gehört Luther ganz fest zu Deutschland dazu – bis heute.

Für Luthers engsten Mitarbeiter Philipp Melanchthon war Luther derjenige, „der uns (…) das Licht des Heiligen Evangeliums wieder entzündet hat“. 500 Jahre später soll Luther die Deutschen neu für die Moderne und die Freiheit begeistern und ihre Demokratiemüdigkeit bekämpfen helfen.

Sein „Konzept der Autonomie der Persönlichkeit“ und die „Verteidigung der Gewissensfreiheit“ machten ihn zum „modernen Menschen“, heißt es im Katalog des Herder-Verlags. „Gerade in Zeiten der Verunsicherung breiter Bevölkerungsschichten, Euro- und Rettungspolitik, Islamdebatten und Flüchtlingskrise ist nichts moderner und aktueller als Luthers Denken.“ Auf ihn müsse man sich besinnen, jetzt und hier, „wenn man nicht eines Tages als Sklave der Entwicklung aufwachen möchte, sondern als Bürger eines demokratischen Staates mitbestimmen will“. Himmel hilf!

Ausgerechnet Martin Luther soll Deutschland retten? Ein von Zweifeln geplagter und von Höllenangst getriebener Augustinermönch, der die Unterwerfung unter eine gottgewollte Ordnung predigte? Sicher, Luthers Gedanken veränderten Europa nachhaltig. Doch die Freiheit, die er meinte, „bestand allein darin, ein guter Christ, ein Rechtgläubiger und nichts anderes zu sein“, schreibt Michael Lösch in der Ankündigung zu seinem Buch „Wäre Luther nicht gewesen“. „Hab ich nicht genug Tumult ausgelöst?“, ist der Band „Martin Luther in Selbstzeugnissen“ überschrieben. Darin findet sich auch dieses schöne Zitat: „Es ist doch, wie ich oft gesagt hab: ich bin der reife Dreck, so ist die Welt das weite Arschloch; darum sind wir zu Recht zu trennen.“

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