Politik : Evangelischer Kirchentag: Der Eklat findet nicht statt

Michael Trauthig

Der Eklat scheint programmiert: Tausende von Gentechnik-Skeptikern füllen die Festhalle auf dem Frankfurter Messegelände. Sie beklatschen heftig jede Warnung der Referenten vor den Heilsversprechen der Biomedizin. Gleich wird der Politiker die Szene betreten, der sich wie kein anderer für die umstrittene Forschung an embryonalen Stammzellen in Deutschland einsetzt. Auf Wolfgang Clement ist deshalb die Kritik von Kirchenvertretern niedergeprasselt. Nun kommt er mit einem Tross von Begleitern und Fotografen herein. Doch das Kirchenvolk bleibt stumm. Keine Pfiffe und keine Buhrufe begrüßen den Ministerpräsidenten. Unbehelligt kann er Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) begrüßen, die das Vorpreschen ihres Parteikollegen auch missbilligt. Die beiden Kontrahenten in der aktuellen Debatte auf die Bühne des Kirchentags geholt zu haben, dürfen sich die Organisatoren als Erfolg an die Fahne heften.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Zunächst warnt Däubler-Gmelin vor dem "Tabubruch" durch die Biomediziner. Sie spricht vom Rubikon, der überschritten zu werden drohe, betont den Schutz des menschlichen Lebens und fordert, die Wissenschaftler müssten erst alle Alternativen prüfen. "Bis dahin müssen wir Sie auffordern, langsam zu tun", sagt die Justizministerin. Damit ventiliert sie die Befürchtungen des Publikums. Die richten sich weniger gegen das Bonner Forschungsprojekt, das mit importierten embryonalen Stammzellen experimentieren will. Vielmehr herrscht die Angst vor, bald würden in Deutschland Embryos zu Forschungszwecken vernichtet oder es würden durch genetische Diagnoseverfahren Menschen gezüchtet. Ferner fürchtet man, die Entwicklung werde aus wirtschaftlichem Interesse forciert. Clement führt gegen diese Stimmung einen einsamen Kampf. Er präsentiert sich als ein nachdenklicher Politikmanager, der den Dialog mit der Kirche sucht. "Heute Morgen war ich beim Kölner Kardinal Joachim Meisner und habe ihm gesagt, dass ich nicht als Kannibale erscheinen will." Dieser Eindruck könne dadurch entstehen, dass in der Debatte falsche Bilder verwendet würden. Er selbst plädiere weder dafür, dass die Gesetze rasch geändert würden, noch befürworte er die Forschung an Embryos. Bei dem Bonner Vorhaben gehe es lediglich um bereits vorhandene Stammzellen, die sonst an anderen Orten der Welt genutzt würden. Werde das Projekt nicht ermöglicht, drohe die Abwanderung von hoch qualifizierten Wissenschaftlern. "Die Forschung auf diesem Gebiet ist in Deutschland dann zu Ende."

Für solche Argumente kann Clement nicht mit Beifall rechnen. Nachdenklich scheint aber viele Zuhörer seine Forderung nach mehr Ehrlichkeit in der Debatte zu machen. So stelle sich die Frage, ob im Reagenzglas hergestellte Embryos besser geschützt werden sollten als von Abtreibung betroffene Föten. Diese würden zum Teil jetzt schon zur Therapie genutzt. Außerdem sei es akzeptiert, dass durch die Spirale bei der Empfängnisverhütung 14 Tage alte Embryos abstürben. "Bisher schützen wir den Embryo reduziert. Ich bin auch ratlos, wie wir dies weiter regeln sollen." Dennoch müsse über das Bonner Projekt bald entschieden werden, verlangt der Ministerpräsident. Von den beiden Kirchentags-Resolutionen, die zuvor forderten, die Forschung zu bremsen, ist er offensichtlich unbeeindruckt. Dafür hat der Ministerpräsident die vermutlich meist jugendlichen Leser vom Internetmagazin des Protestantentreffens schon auf seiner Seite. Fast 60 Prozent von ihnen werteten die Gentechnik als eine Chance.

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