Politik : Evangelischer Kirchentag: Glaube, Liebe, Streitkultur

Andreas Geldner

Der Kirchentag hat Stoff für brennende Debatten. Aber für viele ist das weniger das Thema Stammzellen und Embryonen, sondern die Frage nach einer zeitgemäßen Form für ihre Religiosität.

Doch Gott kümmert sich auch um die Details - jedenfalls im Gebetszelt auf dem Lohrberg, einem grünen Erholungsgebiet mit einem prächtigen Blick auf die Bankentürme von Frankfurt. "Blockweise beten", so lautet die Marschordnung von Prediger und Ex-Soldat Norbert Welski in einer Sprache, die so leger ist wie sein Hemd und seine verwaschene Jeans. "Ich habe dem Bernd nämlich die letzten drei Minuten versprochen, um für seinen kranken Rücken zu beten."

Entsprechend zackig geht es in den letzten Minuten des für einen evangelischen Kirchentag ungewöhnlichen Auftaktgottesdienstes in Frankfurt voran. "Ihr da hinten geht einmal in den Bereich Soziales. Wir machen das ganz schnell im Durchlauf". Generalstabsmäßig wirkt das, wie da auf der "Gebetskarte" das Stadtgebiet von Frankfurt präzise mit roten, grünen und blauen Punkten markiert ist. Rot steht für erneuerte Gemeinden, grün für Esoterik und Sekten und blau für "Kriminalität und Gewalt in Gegenwart und Geschichte". Doch selbst wer den während den Gebeten verzückt die Arme hebenden oder die Hände öffnenden etwa hundert Menschen im Zelt eher befremdet zusieht, der ahnt, wie glaubensernst es ihnen mit der Hoffnung ist, Gott möge auch etwas übrig haben für die Wohnungslosen in ihrer Nachbarschaft, für das Frankfurter Rotlichtviertel, für "gläubige Lehrer" - und nicht zuletzt für den eingeklemmten Nerv in Bernds geplagtem Rücken.

Begriffe wie Gentechnik und Bioethik wirken bei solch individuellen Anliegen fast abstrakt. Naivität? Oder ein vitaler, ungebrochener Glaube, nach dem sich einige Kirchentagsteilnehmer mehr sehnen als nach politischen Debatten? Zum ersten Mal hat es bei einem Protestantentreffen jedenfalls ein solcher, von der konservativen Evangelischen Allianz getragener Gebetsmarathon mit dem Wohlwollen der Kirchentagsleitung in das offizielle Programm geschafft.

Politische Etikette waren dem Kirchentag allerdings schon angeheftet, ehe überhaupt eine Veranstaltung begonnen hatte: Um die Gentechnik gehe es vor allem, lauteten die Überschriften, vielleicht auch noch um die Macht des Geldes im Schatten der Hochhäuser von "Bankfurt". Doch bei 512 Seiten Kirchentagsprogramm bleibt für jede Deutung genügend Material: Die mehr als 2000 Veranstaltungen, die nur durch die weitherzige Losung "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" verknüpft sind, lassen sich weniger denn je auf einen Nenner bringen.

Bei genauerem Hinsehen will der Kirchentag nicht in das Bild des Christentums als nützlicher Gewissens-Tüv für die Gesellschaft passen. Abseits der Ethikdebatte bei der - zumindest in der Theorie - schnell ein Konsens herzustellen wäre, ist Frankfurt schließlich auch die entscheidende Etappe vor dem ersten gemeinsamen evangelisch-katholischen Kirchentag in Berlin 2003.

Doch mit einem stimmstark gesungenen Choral übernehmen die evangelischen Christen zunächst wieder die akustische Lufthoheit vor dem Frankfurter Römer. Bei der aufgrund der strengen katholischen Lehre nicht als Abendmahl bezeichneten Brotausteilung entgleitet offenbar ein bisschen das Verständnis dafür, was denn da genau, ökumenisch korrekt, gefeiert wird. Von Hand zu Hand schweben zahlreiche Fladenbrote. Ganz unkatholisch fragt ein Feiernder in die Menge: "Hatten Sie eigentlich schon etwas vom Abendmahl?"

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