Politik : Ex-Berater von Bush: Krieg war unnötig

Frank Jansen

Berlin – Er lächelt wissend, presst die Lippen zusammen, dann schiebt er das Kinn vor. Richard A. Clarke präsentiert die Mimik eines Mahners, der Recht behielt und nun lakonisch die Warnsignale vor dem Desaster aufzählen kann, die kaum jemand wahrhaben wollte. „Im Frühjahr 2001 sagte die CIA: Es kommt ein großer Al-Qaida-Angriff“, Clarke legt das linke Bein aufs rechte, „ein Hiroshima-ähnliches Ereignis“. Doch trotz der täglichen Informationen für Präsident George Bush seien die Warnungen nicht ernst genommen worden. Das Resultat muss Clarke gar nicht beschreiben. Die Zuhörer haben automatisch die Bilder des 11. September vor Augen.

Das Deutsche Theater in Mitte ist voll, als der ehemalige Terrorabwehr-Chef des Weißen Hauses am Sonntag, auf Einladung der American Academy, sein Buch vorstellt. In „Against All Enemies“ (Hoffmann & Campe) rechnet Clarke mit der Regierung Bush ab, die er im März 2003 frustriert verließ. Kurz vor Beginn des Irak-Kriegs, den Clarke stärker noch als den womöglich vermeidbaren 11. September für die große Katastrophe hält, an der Bush und seine engsten Berater Schuld trügen. „Der Krieg war unnötig“, sagt Clarke in Berlin, „er ist massiv kontraproduktiv und er gibt Osama bin Laden Munition und wachsende Unterstützung – von Marokko bis Pakistan“.

Das Anfang 2004 erschienene Buch wirkt in den USA wie ein Erdbeben. Da berichtet kein Verschwörungstheoretiker, sondern ein Insider, der unter den Präsidenten Bill Clinton und Bush junior die Antiterrorpolitik koordiniert hat. Entsprechend groß ist die Resonanz auch in Europa. Auf der Bühne des Deutschen Theaters diskutieren mit Clarke – genauer: bestätigen ihn – der frühere US-Botschafter in der Bundesrepublik, John C. Kornblum, und Richard Bernstein, Chef des Berliner Büros der „New York Times“. Und im Saal sitzen die Botschafter Israels und Ägyptens, Shimon Stein und Mohamed El-Orabi.Was die beiden von Clarkes Buch halten, behalten sie allerdings für sich.

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