Politik : Ex-Kommissar beginnt im Juli 2000 bei spanischem Telefonkonzern

Ralph Schulze

Spaniens Wirtschaftsexperten üben sich seit Monaten im Kaffeesatzlesen: Ex-EU-Kommissar Martin Bangemann, dessen Verpflichtung im Sommer als "Ronaldo" des spanischen Telefonriesen Telefónica Wellen der Empörung durch Europa schickte, kommt nicht, kommt, kommt nicht... Nun hat der Telefónica-Aufsichtsrat Klarheit geschaffen. Es bleibt beim Millionen-Einkauf des neuen Telefónica-Stürmers Bangemann, der bis Juli als EU-Kommissar für den Telekommunikationsmarkt firmierte.

Eine Nachricht aus der Telefónica-Zentrale, mit der kaum noch jemand gerechnet hatte. Denn was ist ein Bangemann, dessen Ansehen in der Öffentlichkeit hin ist, der sich wegen seines umstrittenen privatwirtschaftlichen Telefónica-Geschäfts vor dem Europäischen Gerichtshof verantworten muss, überhaupt noch wert, fragte sich ganz Europa. Offenbar genug, um gegen alle Proteste nun demonstrativ seinen Einzug in den Telefónica-Aufsichtsrat festzuzurren. Zwar soll noch eine Schamfrist von neun Monaten abgewartet werden. Doch im Juli 2000 wird Bangemann endgültig in die Telefónica-Führung einziehen und dann sein Insiderwissen ganz offiziell zu Kapital machen.

Eigentlich sollte Bangemann bereits im Juli 1999 in den Aufsichtsrat rücken. Einen Monat zuvor, Ende Juni, hatte Telefónica-Chef Juan Villalonga, mit viel Getrommel, seinen "Ronaldo der Telekommunikation" der erstaunten Öffentlichkeit präsentiert. Bangemann war damals noch in Amt und Würden als Kommissar des abgeschossenen EU-Kabinetts. Ein klarer Interessenkonflikt. Darüber waren sich fast alle EU-Regierungschefs sowie die wenig später neu eingesetzte EU-Kommission einig. Bangemann habe ein schweres Faul begangen, zürnte man, über dessen Ahndung die Richter entscheiden müssen.

Nur Spaniens Ministerpräsident José María Aznar blieb auffällig ruhig. Wohl auch, weil der Chef des früheren Staatsunternehmens Villalonga und Aznar enge Freunde sind - und Freunde halten in schweren Zeiten zusammen. Aus der Zentrale des Telefon-Giganten hört man gar, dass Villalonga den Einkauf Bangemanns nicht ohne Wissen Aznars ausheckte. Was nahe liegt, da Spaniens Regierung in dem privatisierten Konzern noch Mitspracherechte hat.

So dürfte auch die Zauberformel, Bangemann noch bis Juli 2000 pausieren zu lassen, mit Aznar abgestimmt sein. Bis dahin sei ein gutes Jahr seit Vertragsunterzeichung vergangen, erklärt Telefónica, damit erfülle man die "Karenzzeit, die die Europäische Kommission für ihre Kommissare vorschreibt".

Doch dies ist offenbar als Beruhigungspille für die Öffentlichkeit gedacht. Denn die Auszeit betrifft offenbar nur Bangemanns Auftritt als Aufsichtsratsmitglied. Als heimlicher Berater des Telefónica-Präsidenten Villalonga soll er schon eifrig im Hintergrund agieren, hört man. Und auch Geld fließe schon auf sein Konto. Eine Mutmaßung, die ein Telefónica-Sprecher freilich heftig dementiert: "Herr Bangemann ist noch nicht für uns tätig." Sein Büro in Madrid wird er in der Tat nicht vor dem kommenden Sommer betreten. Aber Telefónica-Geschäfte lassen sich ja auch per Telefon regeln. Zur Not auch von Frankreich aus, wo Bangemann angeblich das Ende des Gewittersturms abwartet.

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