Politik : Ex-Minister der Ukraine tot aufgefunden

Jens Mühling[Moskau]

Der ehemalige ukrainische Innenminister Jurij Krawtschenko ist am Freitagmorgen tot in seiner Datscha im Kiewer Vorort Kontsche-Saspe aufgefunden worden. Am Tatort fand sich nach Angaben des Fernsehsenders „Fünfter Kanal“ eine tschechische Tscheset-Pistole. Ob und von wem sie abgefeuert wurde, sei nicht bekannt. Eine Sprecherin des Innenministeriums erklärte, Krawtschenko habe vorläufigen Erkenntnissen zufolge Selbstmord begangen. Vermutet wird, dass sich Krawtschenko durch den Freitod einer Vorladung entziehen wollte, die ihm zwei Tage zuvor von der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft zugegangen war. Krawtschenko sollte am gestrigen Freitag zur Ermordung des oppositionellen Journalisten Georgij Gongadse aussagen, der im September 2000 entführt und anderthalb Monate später enthauptet aufgefunden worden war.

Bereits am Mittwoch waren drei hochrangige Mitarbeiter des Innenministeriums verhaftet und ein vierter zur Fahndung ausgeschrieben worden. Am gleichen Tag erklärte Präsident Juschtschenko, es gebe „Gründe, den Fall Gongadse für aufgeklärt“ zu halten. Generalstaatsanwalt Piskun teilte mit, ihm sei neben den Mördern auch der Name ihres Auftraggebers bekannt. Obwohl Piskun keinen Namen nannte, deuten Äußerungen Juschtschenkos auf dessen Amtsvorgänger Leonid Kutschma hin: Dass Gongadses Ermordung vier Jahre lang nicht aufgeklärt wurde, so Juschtschenko, zeuge vom „mangelnden politischen Willen der damaligen Machthaber“ und lege nahe, dass diese „den Mörder gedeckt“ hätten. Nahrung gegeben hatte diesem Verdacht vor allem eine Tonbandaufnahme, die ein ehemaliger Leibwächter Kutschmas den Medien zugespielt hatte. In dem aufgezeichneten Gespräch fordert Kutschma von Krawtschenko, man müsse Gongadse „irgendwohin fahren, ihn rausschmeißen, den Tschetschenen vorwerfen“. Krawtschenko antwortet, er habe eine „Kampftruppe“ auf Gongadse angesetzt: „Das sind Adler, die machen alles, was du willst.“ Kutschmas Leibwächter Nikolaij Melnitschenko sagte der russischen Zeitung „Iswestija“, er wolle die Tonbänder nicht an Generalstaatsanwalt Piskun übergeben, da dieser die Aufklärung des Verbrechens verschleppt habe. Melnitschenko erklärte, auch der ehemalige Leiter des ukrainischen Sicherheitsdienstes, Leonid Derkatsch, und der derzeitige Parlamentssprecher Wladimir Litwin könnten in den Fall verwickelt sein. Kutschma hat die Authentizität der Tonbänder und seine Verwicklung in den Mord heftig bestritten.

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