Politik : Ex-Zwangsarbeiter holen ihr Geld nicht ab

Stiftungschef warnt vor Verzögerung der Entschädigung

Christian Hönicke

Berlin . Zehntausende ehemalige NS- Zwangsarbeiter haben ihre Entschädigungszahlung bislang noch nicht von der Bank abgeholt. Das berichtete Michael Jansen, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, am Donnerstag. Bislang hat die Stiftung mehr als 2,6 Milliarden Euro Entschädigungsgelder an 1,5 Millionen ehemalige NS- Zwangsarbeiter ausgezahlt. In Polen, Tschechien und Weißrussland wurde bereits mit der zweiten und letzten Auszahlungsphase begonnen, in anderen Ländern steht dies kurz bevor. Zudem will die Stiftung im nächsten Jahr mit knapp 2,7 Millionen Euro Projekte im Rahmen des Fonds „Erinnerung und Zukunft“ fördern. Dazu zählen zwei Schülerwettbewerbe, die Betreuung von NS-Opfern und Stipendien für jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion.

Jansen sprach davon, dass „zwei bis drei Prozent“ der Opfer ihr Geld noch nicht abgeholt hätten. Diese vergleichsweise kleine Zahl könnte die Abwicklung erheblich verzögern. In Deutschland muss das Geld in solchen Fällen nämlich 30 Jahre lang aufbewahrt werden. Dann aber wäre der Zeitplan nicht mehr zu halten: Bis zum 60. Jahrestag des Kriegsendes im Mai 2005 will die Stiftung die vier Milliarden Euro an die geschätzten 1,8 Millionen Berechtigten ausgezahlt haben. „Wir diskutieren gerade mit Bundestagsabgeordneten und den zuständigen Ministerien darüber, ob wir diese Frist verkürzen können“, sagte Jansen. „Wir wollen die Auszahlung ja auch irgendwann zu Ende bringen.“

Der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung, Dieter Kastrup, wies zudem darauf hin, dass viele ehemalige Zwangsarbeiter inzwischen gestorben seien. „Das erhöht den Druck, unseren Zeitplan einzuhalten“, sagte Kastrup. Bei der Prüfung der restlichen Anträge könnten ebenfalls Verzögerungen auftreten. Eigentlich ist gesetzlich verbindlich festgelegt, ob Arbeiter bestimmter Fabriken oder Lager Anspruch auf Entschädigung haben oder nicht. Allerdings sind inzwischen viele Fälle aufgetreten, die sich nicht genau regeln lassen. Trotz der Probleme ist Kastrup „einigermaßen zuversichtlich“, dass der Termin eingehalten werden kann.

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