Politik : Exil-Pappnasen

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die beiden, nennen wir sie Schulte und Dahmes, waren durchaus ernsthafte Menschen. Schulte mehr als Dahmes, weil Schulte aus dem Westfälischen kam, wo Menschen, die zum Takt von Musik unter dem Tisch mit dem rechten Fuß wippen, als überdrehte Krawallbrüder von der weiteren Teilnahme am sozialen Leben ausgeschlossen werden. Schulte passte deshalb im Prinzip auch besser in die norddeutsche Küstenstadt, wo er zusammen mit Dahmes die Politik-Redaktion der Lokalzeitung darstellte.

Die zwei gingen ihrem Geschäft mit Umsicht und Verantwortung für nationale und internationale Fragen nach. Nur einmal im Jahr überkam es sie. Dahmes war nämlich Kölner, aus Ehrenfeld. Und deshalb konnten am Rosenmontag die jener Küstenstadt vorgelagerten Inseln von der üblichen Sturmflut bedroht sein oder sonst wo sonst was los sein – Dahmes und Schulte rückten die Aufmacher-Schlagzeile ins Blatt: „Im Rheinland sind die Jecken los“. Mit großem Bild vom Kölner Umzug. Erstens wegen Dahmes, klar. Zweitens aber, weil Schulte es den Rheinländern zwar nicht so richtig nachsehen konnte, dass sie das westfälische Schwarzbrot mit dem Namen Pumpernickel in den Verdacht gebracht haben, es handele sich ursprünglich um schweißhemmende Schuheinlagen, aber andererseits vor die Wahl zwischen dem Mainzer, dem Düsseldorfer und dem Kölner Zug gestellt letzteren als das kleinere Übel akzeptierte. Schulte wippte auch manchmal mit dem rechtem Fuß unter dem Tisch.

In der Abonnentenschaft jener Zeitung aber verursachte die Rosenmontagsausgabe alljährlich ein großes Kopfschütteln, und in den Kneipen um den Hafen war die einhellige Meinung, dass es schon gut sei, dass der südliche Grenzfluss das eigene Land relativ zuverlässig von den Gefilden der Pappnase abschirmte. So taten Dahmes und Schulte viel für das Heimatbewusstsein ihrer Mitbürger, so wie der Karneval es überall tut – da, wo er zu Hause ist, aber genau auch anderswo, sobald welche ihn trotzdem zu feiern versuchen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar