Politik : Exklusiv-Interview mit Gaddafi: Im Wüstenzelt

gdl

Beim Oberst Muammar el Gaddafi vorzusprechen, ist bis zur letzten Minute eine Zitterpartie: Niemand weiß, ob, wann und wo das verabredete Interview tatsächlich zustande kommt, niemand kann sagen, auf welche Fragen sich der Revolutionsführer einlassen will oder ob das Gespräch mehr als ein paar Minuten dauern wird.

So sitzt man, gut betreut von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes, im Al Mehari Hotel am Hafen von Tripolis und wartet auf einen Lockruf. Ein gutes Zeichen ist es, dass wir nur Stunden nach der Ankunft von Gaddafis Sohn Seif el Islam empfangen werden. Der sportlich und modisch gekleidete junge Mann residiert in einem Anwesen auf dem Weg zum Flughafen. Die kurze Unterredung zu den Themen des Interviews mit seinem Vater findet in einem Büro in seiner kreisförmigen, privaten Fitnesshalle statt. Ein für den Abend in Aussicht gestellter Termin scheitert an einem offenbar sehr kurzfristig bekannt gewordenen Besuch von Palästinenserführer Arafat.

Am nächsten Tag geht alles sehr schnell. Dem Anruf folgt eine rasend schnelle Autofahrt in die Kaserne Bab el-Assisijah am Stadtrand von Tripolis. Man passiert drei waffenstarrende Sicherheitsringe und gelangt zu dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Gaddafi, das bei einem US-Luftangriff im April 1986 schwer getroffen worden war; Gaddafis Stieftochter Hana kam damals um, zwei seiner Söhne wurden verletzt. Heute ist das Haus eine Art nationales Denkmal. Das Auto hält, Soldaten prüfen Kugelschreiber, Aufnahmegerät und Batterien. Etwa 200 Meter entfernt steht ein weißes Zelt, in dem uns Gaddafi erwartet. Er nimmt auf einem weißen Gartenstuhl aus Plastik Platz. Der Oberst wirkt müde, seine Stimme ist leise: In Libyen ist Ramadan, und Gaddafi hat bis 6.30 Uhr in der Früh mit seinen Mitarbeitern konferiert. Dennoch dauert das Gespräch eine Stunde, wie der Protokollchef verwundert anmerkt.

Auf dem Weg zurück will der Fahrer eine Abkürzung nehmen. Doch es gibt Riesenaufregung bei den Sicherheitskräften. Ein Begleiter im Auto sagt: "Wir sind auf vermintem Gelände." Aber das stimmt nur im übertragenen Sinne. Einer aus Gaddafis Tross erklärt: "Der Oberst verabscheut es, wenn man Wiesen beschädigt."

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