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Expeditionen jenseits der Oder : Aus Deutschland ziehen mehr Menschen nach Polen als umgekehrt

23.05.2011 13:56 UhrVon Barbara Bönnemann
Pendler zwischen zwei Kulturen. Der bekannteste Deutsche in Polen, der Kabarettist Steffen Möller, ist häufig zwischen Deutschland und Polen unterwegs. Gefragt, wo er denn lieber sei, antwortet er: „Im Zug!“Bild vergrößern
Pendler zwischen zwei Kulturen. Der bekannteste Deutsche in Polen, der Kabarettist Steffen Möller, ist häufig zwischen Deutschland und Polen unterwegs. Gefragt, wo er denn lieber... - Foto: Dominik Butzmann/laif

Schwierige oder fruchtbare Nachbarschaft? Während viele Deutsche Zuzügler aus Polen fürchten, sind andere längst in der Gegenrichtung unterwegs.

Berlin - Die Veranstaltung „Expedition zu den Polen – Crashkurs für Auswanderer“ mit Steffen Möller ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Mehr als 500 Besucher sind in das Kabarett-Theater „Die Wühlmäuse“ in Charlottenburg gekommen. Ein großer Teil von ihnen hat offensichtlich „polnische Wurzeln“ und ist mit Sprache und Kultur des deutschen Nachbarlandes bestens vertraut. Einen Crashkurs brauchen die wenigsten, vielmehr wollen sie den bekanntesten Deutschen in Polen kennenlernen. Vor 17 Jahren ist Steffen Müller – studierter Theologe, Philosoph und Bundesverdienstkreuzträger – nach einem Sprachkurs in Krakau ausgewandert. Inzwischen spricht „Stefek“ perfekt Polnisch und verfügt über einen präzisen Blick für die Besonderheiten dieses Landes und seiner Bewohner: Angefangen bei der Sprache mit seinen elf Verbgruppen und den schwer aussprechbaren Buchstaben, über Begrüßungsrituale bis hin zu Essgewohnheiten und Hochzeitsritualen.

Dass Polen als einziger EU-Staat in der Finanzkrise ein Wirtschaftswachstum vorweisen konnte und im Jahr 2009 nur in die Schweiz und die USA mehr Menschen aus Deutschland ausgewandert sind: mit solchen Informationen beginnt Möller seine immer wieder durch Lachsalven unterbrochene Show. Doch die Zahlen sind kein Scherz, sie sind vom Statistischen Bundesamt. Mit 12 000 Grenzgängern sind zum ersten Mal seit Kriegsende mehr Menschen aus Deutschland nach Polen ausgewandert als umgekehrt.

Ein großer Teil von ihnen sind eigentlich Rückwanderer, wie der 1949 in Chorzow (Königshütte) geborene Daniel*. Der gelernte Elektromechaniker ist 1986 über Jugoslawien und Österreich nach Deutschland zu seinen Eltern geflohen. Da diese während des zweiten Weltkrieges die „Deutsche Volksliste“ unterschrieben, durften sie in den 70er Jahren als „Spätaussiedler“ in die Bundesrepublik ausreisen. Mit einem Flüchtlingsausweis ausgestattet, fand Daniel in der Nähe von Hannover – auch ohne perfekter Sprachkenntnisse – einen Job in der Autobranche. Später wechselte er in die Telekommunikation. Doch als er vor einigen Jahren arbeitslos wurde, fühlte er sich in Deutschland nicht mehr wohl und zog es vor, nach Polen zurückzukehren. Er hatte keine Lust, auf den Ämtern um Hartz IV anzustehen. Von dem in Deutschland ersparten Geld eröffnete er stattdessen in Katowice (Kattowitz) ein Fitnesscenter und verdient sich hin und wieder mit verschiedenen Nebenjobs etwas dazu.

Ähnlich ist es dem 1968 in Zabrze (Hindenburg) geborenen Eduard* ergangen. Sein Vater kehrte 1984 von einer Reise nach Deutschland nicht mehr zurück. Obwohl seine Eltern, die Anfang der 40er Jahre in Oberschlesien geboren wurden und somit die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, dauerte es vier Jahre, bis er und seine Mutter die Ausreisegenehmigung bekamen. Im Rheinland absolvierte Eduard nach dem Abi eine Fachhochschule und arbeitete danach in diversen Firmen. Mehrmals im Jahr besuchte er in Polen seine alten Freunde. Diese Kontakte haben bei dem Entschluss, nach mehr als zehn Jahren Aufenthalt in Deutschland wieder in sein Geburtsland zurückzukehren und sich selbstständig zu machen, eine wichtige Rolle gespielt. Seit kurzem betreibt er in Gliwice (Gleiwitz) eine eigene Firma, in der er für Architektur- und Ingenieurbüros großformatige Kopien herstellt. Offensichtlich eine gute Entscheidung, denn sein Kundenkreis wird immer größer.

Jeder Deutsche, der sich länger als drei Monate in Polen aufhält, muss bei der jeweiligen Bezirksverwaltung, der Wojewodschaft, eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, die dann fünf Jahre gültig ist. Von den 16 Wojewodschaften rangiert bei der Zahl der Antragsteller Masowien (Warschau) an erster Stelle, gefolgt von Niederschlesien (Breslau) und Westpommern (Stettin). Unter den gespeicherten Daten findet man auch Angaben zu den Motiven der deutschen Auswanderer. Am häufigsten werden die Rückkehr in die frühere Heimat genannt, berufliche Gründe, Eheschließung, Betreuung von Familienangehörigen und der Erwerb von Immobilien. Bei vielen fallen mehrere Gründe zusammen.

Bei Thomas Urbanczyk waren es einzig die beruflichen Aussichten. Der 38-jährige stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer in Warschau (IHK) ist als Zehnjähriger mit seinen Eltern von Polen nach Deutschland gezogen. 25 Jahre hat er dort gelebt, Jura studiert und zuletzt als Rechtsanwalt in einer Berliner Kanzlei mit einem deutsch-polnischen Schwerpunkt gearbeitet. Er kennt sowohl das deutsche als auch das polnische Recht und beherrscht beide Sprachen perfekt: eine ideale Basis für die Handelskammer, deren Bereich „Recht und Steuern“ er leitet.

Gegründet wurde die mittlerweile rund eintausend Mitglieder zählende Kammer 1994 mit dem Ziel, polnische Unternehmer in Deutschland und deutsche in Polen zu unterstützen. Die Zahl deutscher Investoren in Polen ist mit 366 die höchste, gefolgt von den Niederlanden und den USA. „Dass Deutschland hier den ersten Platz belegt, liegt natürlich auch an der Nachbarschaft“, erklärt Urbanczyk. „Allerdings erfassen die Statistiken nur die großen Investoren. Insgesamt gebe es in Polen etwa 6000 Unternehmen mit deutschem Kapitalanteil, erläutert er.

Fachkräfte, die von diesen Firmen für Polen gesucht werden, müssen die Landessprache beherrschen. Ganz selten kommt man nur mit Englisch aus. Entscheidet sich ein Deutscher in Polen zu arbeiten, „dann ist es meist wegen einer Frau, die er hier kennengelernt hat“, meint Urbanczyk. So wie bei dem 33-jährigen Florian Gandow, Vorsitzender der Deutsch- Polnischen Gesellschaft in Warschau und seit drei Jahren kaufmännischer Direktor eines großen Unternehmens, dem die technische Betreuung der Nationalstadien für die EM 2012 obliegt. „Eine interessante berufliche Möglichkeit, die ich Deutschland nie bekommen würde“, sagt er beim IHK-Stammtisch, zu dem sich einmal monatlich deutsche und polnische Geschäftsleute, Manager, Wissenschaftler und Journalisten treffen.

Seit dem 1. Mai können sich Arbeitnehmer aus Polen frei in Deutschland niederlassen. Einen Crashkurs für ihr Auswanderungsziel brauchen auch sie meist nicht. In keinem anderen EU-Land lernen so viele Menschen Deutsch wie in Polen, allein 100 000 Schüler machen ein deutsches Abitur. Außerdem kennen sich viele bereits gut aus, weil sie oftmals seit Jahren in Deutschland arbeiten, wenn auch bisher häufig ohne Erlaubnis.

* Die vollständigen Namen sind der Redaktion bekannt.

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