Politik : Experte: Männer sind die Verlierer

Rainer Woratschka

Berlin - Als „hochgradig ungerecht“ hat der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen die gesetzliche Pflegeversicherung in ihrer heutigen Form bezeichnet. Sie bewirke nicht nur eine „beträchtliche Umverteilung“ zwischen den Generationen, sondern auch zwischen den Geschlechtern, sagte der Freiburger Experte dem Tagesspiegel. „Männer sind die Verlierer.“ Während die Rendite für Frauen selbst in künftigen Generationen kaum unter den durchschnittlichen Marktzins sinke, sei dies beim anderen Geschlecht schon ab dem Jahrgang 1955 der Fall. „Und Männer, die nach 1995 geboren sind, müssen mehr einzahlen, als sie jemals an Leistungen erwarten können.“

In einer aktuellen Studie hat Raffelhüschen die Umverteilungswirkung durch die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995 berechnet. Demnach kommen Männer, die vor 1938 und Frauen, die vor 1945 geboren wurden, auf eine zweistellige Rendite – also auf deutlich mehr als bei gängigen Kapitalanlagen. Für Raffelhüschen ist dies die Folge dessen, was er „Einführungsgeschenk“ nennt und mit einem Kettenbrief vergleicht: Die ersten sahnen ab, später Dazugestoßene zahlen drauf. „Die heutigen Alten machen ein Riesenplus“, sagt er. Jahrgänge ab 1975 hingegen profitierten nicht mehr, da sie über ihr ganzes Erwerbsleben Beiträge abführten. Und spätere Generationen müssten die anfängliche Freigiebigkeit immer teurer bezahlen.

Dass Frauen bei der Rendite besser abschneiden, liegt laut Raffelhüschen daran, dass sie im Schnitt nur die Hälfte einzahlen, wegen höherer Lebenserwartung aber weit mehr Leistungen erhalten. Für Frauen des Jahrgangs 1930 summiere sich der „Barwert des Nettopflegetransfers“ auf 13 600 Euro, für gleichaltrige Männer nur auf 8000 Euro.

Auch bei der gesetzlichen Rente kommen Frauen auf eine höhere Rendite, allerdings liegt sie für beide Geschlechter nach Auskunft der Deutschen Rentenversicherung immer noch deutlich im positiven Bereich. Frauen erzielten aktuell 3,4 bis 4,4 Prozent, Männer 2,8 bis 3,7 Prozent, sagte Präsident Herbert Rische.

An der Pflegeversicherung kritisiert Raffelhüschen aber nicht nur Rendite und fehlende Zukunftssicherheit. Sie komme, so sagt er, auch denen zugute, die Hilfe gar nicht benötigten: den Alten aus dem Mittelstand. „Die müssen jetzt nicht mehr ihr Häuschen verkaufen, sondern können es weitervererben.“ Ärmere hingegen seien gegen Nachweis auch vorher schon über Sozialhilfe unterstützt worden. „Wir müssen endlich eingestehen, dass wir einen Fehler gemacht haben und ihn rückgängig zu machen versuchen“, fordert der Experte. Möglich sei dies nur durch schnelle Einführung einer lohnunabhängigen kapitalgedeckten Pflichtversicherung.

Anders als gesetzlich Rentenversicherte genössen Pflegeversicherte keinen Bestands-, sondern allenfalls Vertrauensschutz, sagt Raffelhüschen: Keiner habe jahrzehntelang Beiträge eingezahlt. Die neue Regierung aber ergreife die Chance zum Umbau nicht, sie belaste das System noch zusätzlich. So sei das Versprechen, Pflegeleistungen auch auf Demenzkranke auszuweiten, „völlig absurd“. Es bedeute „eine zehnprozentige Ausgabensteigerung auf einen Schlag“ – und verschlinge schon bald „fast genau die Summe, die wir jetzt mühsam durch Subventionsabbau einsparen“.

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