Politik : Experte Rahr über den Krieg und westliche Verantwortung (Interview)

Sind wir schon inmitten des zweiten Tschetschenien

Alexander Rahr (40) ist Russlandexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin. Mit ihm sprach Amin Lehmann über die Auseinandersetzungen im Kaukasus.

Sind wir schon inmitten des zweiten Tschetschenien-Krieges?

Eindeutig ja. Die russische Militärmaschine läuft wieder auf vollen Touren, wie 1994 und 1995. Man kann eindeutig von einer Wende der russischen Kaukasuspolitik sprechen. Das ist unerwartet. Denn Russland hatte die letzten drei Jahre lang de facto die Unabhängigkeit Tschetscheniens akzeptiert. Davon ist Moskau wieder abgerückt.

Ist das die Reaktion auf die jüngsten Anschläge der Islamisten in Moskau?

Ich denke, diese neue Strategie ist zumindest sehr kurzfristig entwickelt worden. Und sie geht auf Ministerpräsident Putin zurück, der sich als kommender Präsidentschaftskandidat profilieren muss. Seine Popularitätskurve ist seit dem harten Vorgehen in Tschetschenien enorm gestiegen.

Ist der Dagestan-Konflikt für Moskau nur ein willkommener Anlass gewesen, um in Tschetschenien erneut Krieg zu führen?

Zunächst einmal wurde Russland in Dagestan auf dem falschen Fuß erwischt. Moskau hat niemals mit einer Großoffensive der tschetschenischen Rebellen gerechnet, die dort eingefallen sind. Sie haben Russland provoziert. Es gab nur noch zwei Optionen für Moskau: Entweder man verlässt den Kaukasus oder führt wieder Krieg.

Was ist eigentlich das Ziel der Islamisten?

Wir reden über militante Islamisten und über gemäßigte Vertreter des Islam. Zu Letzteren gehört Tschetscheniens Präsident Maschadow. Er will eine schrittweise Loslösung Tschetscheniens, aber in friedlicher Nachbarschaft zu Moskau. Dann ist da aber noch die radikale Bewegung der Wachabiten, eine radikale Strömung des Islam, die von Afghanistan aus den Süden der ehemaligen Sowjetunion bedroht und jetzt auch auf Tschetschenien und Dagestan übergreift. Dieser militante Islam ist bereit, gegen Russland den "Heiligen Krieg" zu führen.

Fühlt Moskau sich durch den Kosovo-Krieg im Vorgehen legitimiert?

Das ist ganz sicher so, weil man der Meinug ist, dass der Westen ähnliche Ziele im Kosovo verfolgt hat.

Wie sollte der Westen reagieren?

Der Westen sollte Russland nicht an den Pranger stellen. Das würde nichts nützen. Der Westen aber muss Russland eine Zusammenarbeit bei den wirtschaftlichen Problemen des Kaukasus anbieten. Dafür gibt es schließlich die GASP, die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, um auch dies zu tun. Es wäre ein Armutszeugnis der Europäer, wenn man hier versagen würde. Noch ist Zeit, einen Stabilitätspakt mit Russland für den Kaukasus anzupeilen. Das größte Problem sind nicht die Terroristen, sondern die desolate Wirtschaftssituation.

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