Politik : Experten klagen Pharmaindustrie an

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Madrid. Vertreter der Vereinten Nationen (UN) und zahlreicher Hilfsorganisationen haben der Pharmaindustrie vorgeworfen, die Entwicklung und den Billigvertrieb von Aids-Präparaten zu bremsen. Auf der Welt-Aids-Konferenz in Barcelona klagten am Dienstag Vertreter des UN-Programms Unaids und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Konzerne hätten durch Desinteresse ein Jahrzehnt bei der Entwicklung von billigen und ansteckungshemmenden Gel-Verhütungsmitteln (Mikrobizide) für Frauen vergeudet. Auch die Erforschung von Impfstoffen werde nicht vorangetrieben, weil die Branche mit Aids-Medikamenten mehr verdiene.

Den Ärger der Betroffenen bekam der Schweizer Konzern Roche zu spüren, der am Vortag den neuen Wirkstoff „T20“ vorstellte, mit dem das Eindringen des HI-Virus in die menschlichen Immunzellen reduziert werden kann. Ein Dutzend Aktivisten stürmten den Präsentations-Stand auf der Aids-Konferenz und riefen: „Die Politik von Roche tötet.“ Dem Konzern wurde vorgehalten, der Mehrheit der mit dem Aids-Erreger HIV Infizierten das neue Präparat vorzuenthalten, das von 2003 an auf den Markt kommen soll. Zuvor hatte ein Sprecher der Firmen Roche und des an „T20“ beteiligten US-Konzerns Trimeris mitgeteilt, der neue Wirkstoff solle zunächst nicht in Entwicklungsländern vertrieben werden.

Auch gegen andere Pharma-Konzerne gab es Proteste wegen ihrer Preispolitik. Ebenso wurde die US-Delegation kritisiert, weil die USA wie die meisten reichen Staaten ihren Zahlungsverpflichtungen für den globalen Aidsfonds nicht nachkommen. Nach Auskunft des Präsidenten von Ärzte ohne Grenzen, Morten Rotrup, sterben täglich 8000 Menschen, weil sie keinen Zugang zu Aids-Medikamenten haben. Insgesamt sind 20 Millionen Menschen an der Krankheit gestorben, 40 Millionen sind mit HIV infiziert oder an Aids erkrankt. Ralph Schulze

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