Politik : Experten raten zur Einschulung ab vier

Studie fordert außerdem: Zahl der Hochschulabsolventen verdoppeln / Einer der Autoren ist FU-Präsident Lenzen

Susanne Vieth-Entus

Berlin. Zur Rettung des Bildungsstandorts Deutschland sollten Kinder nach dem Willen von Experten bereits ab vier Jahren eingeschult werden, Ganztagsschulen besuchen und weniger Ferien haben. Nur mit einer Mobilisierung aller Bildungsreserven werde es möglich sein, einen durch den demographischen Wandel bedingten Mangel an qualifizierten Arbeitskräften auszugleichen, heißt es in einer Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Weitere Forderungen: Aufstockung der Bildungsetats, regelmäßige Qualitätsüberprüfung der Lehrer, Einführung von Studiengebühren und Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen.

Die Studie „Bildung neu denken“ behandelt die demographische Entwicklung und die notwendigen Konsequenzen bis zum Jahr 2020. Da bis dahin über ein Drittel der Erwerbsbevölkerung über 50 Jahre alt sein wird (2002: 22 Prozent), müsse die Erwerbstätigkeit Älterer durch kontinuierliche berufliche Weiterbildung erhalten werden. Zudem müsse die Zahl der Hochschulabsolventen und höher Qualifizierten verdoppelt werden, heißt es in der Studie, die dem Tagesspiegel vorliegt. „Bis 2020 muss mindestens die Hälfte eines Jahrgangs einen Hochschulabschluss haben“, fordert Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin und einer der Autoren der Studie. Das hieße, dass rund 70 Prozent eines Schülerjahrgangs Abitur machen müssten. Bisher liegt diese Quote bei rund 33 Prozent.

Nach der sich oftmals in Einzelaspekten erschöpfenden Pisa-Debatte ist die Studie der erste Versuch, ein Gesamtkonzept für die deutsche Bildungsreform zu entwerfen – und zwar vor dem Hintergrund der Überalterung der Gesellschaft. Damit ist die Untersuchung für das Bildungswesen in etwa das, was Hartz- und Rürup-Bericht für Gesundheitswesen und Arbeitsmarkt waren. Über 70 Experten aus Bildungspraxis, Wissenschaft und Wirtschaft wurden während einer 18-monatigen Beratung einbezogen.

Zu den „eklatantesten Mängeln“ des deutschen Bildungssytems zählt die Studie berufsferne Bildungsinhalte, fehlende unternehmerische Orientierung des Unterrichts, schlechte Unterrichtsqualität, unprofessionelles Lehrpersonal, staatliche Überregulierung, mangelhafte Qualifizierungsangebote für ältere Arbeitsnehmer sowie die „Verhinderung“ privater und Elterninitiativen durch das staatliche Bildungsmonopol.

Um die Effizienz des Bildungswesens zu erhöhen und die Lebenszeit besser zu nutzen, sollen „geeignete Schüler“ schon ab vier Jahren die erste Klasse besuchen. Außerdem sei es wichtig, kontinuierlich die Entwicklung und Leistung der Schüler zu diagnostizieren. Lehrer sollen eine leistungsorientierte Bezahlung erhalten und nur befristet auf Angestelltenbasis beschäftigt werden. Weiterhin empfiehlt die Studie den „konsequenten Einsatz von betrieblichem Fach- und Führungspersonal als Hochschuldozenten“. Zudem müsse der Anteil „nicht berufsbildungsfähiger Schüler“ (jetzt 20 Prozent) gesenkt werden.

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