Politik : Experten sagen: Peking wollte Druck auf den Nachbarstaat ausüben

Harald Mass

Die Hungerkatastrophe in Nordkorea, die bisher Hunderttausende Menschenleben gekostet hat, ist nach Ansicht von Experten von Chinas Regierung bewusst beschleunigt worden. "Durch seinen Lieferstopp von Getreide 1994 hat Peking die Hungersnot erst ausgelöst", sagt Noriyuki Suzuki, Direktor des japanischen Forschungsinstituts Radiopress, am Dienstag in Tokio. China habe dadurch Druck auf das Regime in Pjöngjang ausüben wollen.

Trotz der internationalen Hilfe sei Nordkorea abhängig von chinesischen Getreide- und Öllieferungen, erklärt Suzuki. Seit Anfang der neunziger Jahre schicke China jährlich rund eine halbe Millionen Tonnen Getreide und etwa doppelt so viel Öl in den bankrotten kommunistischen Nachbarstaat. 1994 und 1995 habe Peking diese Lieferungen jedoch eingestellt, vermutlich um Pjöngjang zu einer Aufgabe seines Atomprogramms zu zwingen. "Erst danach ist die Hungersnot in Nordkorea richtig ausgebrochen", zeigt sich Suzuki überzeugt.

Die Volksrepublik China, die im Jahre 1992 ihren Handel mit Nordkorea auf harte Währung umgestellt hatte, ist trotzdem nach wie vor die größte Stütze des versteinerten nordkoreanischen Regimes. Offiziellen Zahlen zufolge lieferte China nur im vorigen Jahr rund 300 000 Tonnen Getreide sowie 500 000 Tonnen Öl in das isolierte Nachbarland. Internationale Experten gehen jedoch davon aus, dass die tatsächlichen Zuwendungen Pekings sehr viel höher sind. Vor allem das nordkoreanische Militär werde durch Öl- und Ausrüstungslieferungen aus China stark unterstützt, sagt Direktor Suzuki. "Pjöngjang ist von Pekings Hilfe abhängig."

Nach 1996 hat die kommunistische Führung in Peking, die immer mehr einen totalen Zusammenbruch des nordkoreanischen Systems fürchtet, die Hilfslieferungen für das Nachbarland wieder aufgestockt. Weil die meisten schrottreifen Fabriken in Nordkorea still stehen, stammen praktisch alle Konsumgüter in dem 24 Millionen Einwohner zählenden Land heute aus der benachbarten Volksrepublik China, berichten nordkoreanische Flüchtlinge.

Auf Weisung aus Peking liefern die chinesischen Grenzprovinzen Jilin, Liaoning und Heilongjiang außerdem zusätzlich Waren im Tauschhandel. Nordkorea sei "praktisch bankrott", sagt ein chinesischer Experte, Professor an der Yanbian-Universität in Yanji. "Sie haben kein Geld. Wenn wir ihnen Getreide und Dünger liefern, zahlen sie mit Fisch und Holz zurück."

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