Politik : Experten sehen Deutsche Atomindustrie unterversichert

Sie weisen auf die Folgekosten im Falle eines größeren Störfalls hin

Umweltschützer haben die Bundesregierung aufgefordert, in den Gesprächen mit der Atomwirtschaft den sofortigen Ausstieg aus der Kernenergie durchzusetzen. Vier Tage vor der nächsten Runde der Konsensgespräche kritisierte die atompolitische Sprecherin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Renate Backhaus, am Dienstag in Berlin die angekündigten Laufzeiten von 30 Jahren und mehr pro Atommeiler als nicht akzeptabel. Sie würden das Risiko nicht wieder gut zu machender Schäden vervielfachen. Eine Deckungsvorsorge für die Folgekosten nach einem Störfall sei aber nicht vorhanden.

Mit einer Aktion im Internet will der BUND Stromwirtschaft und Bundesregierung doch noch zu einem kurzfristigen Atomausstieg bewegen. Unter der Web-Adresse "www.bund.net/atomausstieg/" können Atomgegner Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und den Chefs der vier größten deutschen Energiekonzerne per E-Mail virtuelle Postkarten schicken, auf denen die Adressaten zur sofortigen Stilllegung aller 19 deutschen Reaktoren aufgefordert werden.

Frank Kittel von der Versiko-Versicherung in Düsseldorf nannte die deutsche Atomwirtschaft "extrem unterversichert". Verglichen mit den Schäden der Tschernobyl-Katastrophe 1986 (bis heute umgerechnet 400 Milliarden Mark) müsste die Versicherungssumme pro Atomkraftwerk bei rund 350 Millionen Mark jährlich liegen. Gezahlt werde aber eine Jahresprämie von zwölf Millionen Mark für alle 19 deutsche Atomkraftwerke. Die realistische Prämie mache bei 19 Atomkraftwerken und Laufzeiten von 30 Jahren insgesamt 200 Milliarden Mark aus, sagte Kittel. Dann aber wäre "Atomstrom nicht mehr bezahlbar". Der Versicherungsexperte wies darauf hin, dass die Deckungsvorsorge derzeit insgesamt eine Milliarde Mark pro Störfall beträgt - von Seiten der Betreiber 500 Millionen Mark pro Atomkraftwerk und Störfall plus eine staatliche Deckungsvorsorge von noch einmal 500 Millionen Mark.

Backhaus sagte, die Deutschen wiegten sich in trügerischer Sicherheit, was den Versicherungsschutz vor den Folgen atomarer Störfälle betreffe. Nach einer vom BUND in Auftrag gegebenen Emnid-Umfrage vertrauen 65 Prozent der Deutschen darauf, dass Schäden nach Störfällen mit mehr als 500 Millionen Mark versichert sind. Knapp 30 Prozent der Befragten seien sogar der Überzeugung, dass mehr als 500 Milliarden Mark als Versicherungssumme zur Verfügung stehen würden. Nur 18 Prozent der Bevölkerung gingen von der tatsächlichen Versicherungssumme von 500 Millionen Mark aus.

Nach Schätzung des BUND muss allein für eine Kernschmelze im hessischen Atomkraftwerk Biblis B ein Schaden von zehn Billionen Mark angenommen werden. Gemessen an den Folgen der Flutkatastrophe in China vor zwei Jahren oder dem Atomunfall in Tschernobyl müsste die Versicherungsprämie je Kernkraftwerk 350 Millionen Mark betragen. Tatsächlich wendeten die Unternehmen aber nicht einmal fünf Hundertstel dieses Betrages, nämlich zwölf Millionen Mark für alle 19 deutschen Anlagen zusammen auf.

Niedersachsens Grüne machen in der Frage der Atommüll-Entsorgung indes Druck auf die Bundesregierung. Der Landesvorstand verlangt in einem Leitantrag für einen Sonderparteitag am kommenden Sonntag, die Erkundung des Salzstockes Gorleben auf seine Eignung als Atommüllendlager sofort und unbefristet zu unterbrechen. Das geplante Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter solle nicht genehmigt werden. Dafür sollten die rot-grüne Bundes- und die SPD-Landesregierung gemeinsam die Verantwortung übernehmen. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) hatte einen Stopp der Erkundungsarbeiten für ein Atommüll-Endlager in Gorleben in Aussicht gestellt.

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