Explosive Luftfracht : Merkel will Sicherheitslücken schließen

Nach dem Fund einer Paketbombe im Kanzleramt hat sich Merkel für schärfere Sicherheitsbestimmungen bei der Luftfracht ausgesprochen. Bosbach warnt vor Nachahmern.

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In Athen nahm die Polizei zwei verdächtige Männer fest. Foto: Simela Pantzartzi/dpaWeitere Bilder anzeigen
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02.11.2010 16:26In Athen nahm die Polizei zwei verdächtige Männer fest. Foto: Simela Pantzartzi/dpa

Nach dem Fund einer Paketbombe im Kanzleramt und der Entdeckung zweier Sprengsätze aus dem Jemen hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für schärfere Sicherheitsbestimmungen bei der Luftfracht ausgesprochen. „Dieser Vorfall und auch das Problem, das wir gerade im Bundeskanzleramt mit einem verdächtigen Paket hatten, müssen Anlass sein, die Kontrollen für Frachtgüter innerhalb Europas, mit den Vereinigten Staaten und dann möglichst weltweit besser abzustimmen“, sagte Merkel der „Passauer Neuen Presse“ vom Mittwoch.

Die Sicherheitsbestimmungen für Luftfracht seien „weltweit sehr uneinheitlich“, sagte sie der Zeitung. Es gehe daher darum, weltweit strengere Kontrollen durchzusetzen, um Terroranschlägen vorzubeugen. „Der Terrorismus lässt sich nur wirksam bekämpfen, wenn wir weltweit die Kräfte bündeln“, sagte Merkel der „Passauer Neuen Presse“. Sie rief vor diesem Hintergrund „jeden Einzelnen“ zur Wachsamkeit auf.

Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou hat die Bombenserie in Athen und die Sendung eines explosiven Pakets aus Griechenland an Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilt.
„Wir verurteilen es aufs Schärfste und widersetzen uns unerbittlich jedem, der mit Terroraktionen und Gewalt versucht, dem sozialen Frieden und dem Bild des Landes im Ausland zu schaden“, sagte Papandreou am Dienstagabend in einer Rede. Die griechischen Sicherheitsbehörden würden daran arbeiten, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, versicherte er.
Als Konsequenz wurden um Mitternacht für 48 Stunden alle Kurierdienste von Griechenland ins Ausland eingestellt. Die griechische Polizei wollte alle Pakete kontrollieren, die im Athener Flughafen waren, berichtete das Staatsfernsehen (NET) am späten Abend.

Zudem ist nach Informationen des griechischen Staatsfernsehens eine Maschine einer Kurierfirma am späten Dienstagabend außerplanmäßig auf dem Flughafen der italienischen Stadt Bologna gelandet. Im Flugzeug das von Athen nach Rom flog, sei ein verdächtiges Paket entdeckt worden, hieß es. Das Paket soll nach offiziell nicht bestätigten Informationen an den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi adressiert gewesen sein. Es sei in Athen aufgegeben worden.

Die griechische Regierung nahm zwei mutmaßliche Mitglieder einer Untergrundorganisation fest. Sie hatten zwei Bomben bei sich, die sie an die belgische Botschaft in Athen und an den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy schicken wollten. Zudem veröffentlichte die Polizei in Athen Fotos von weiteren fünf Verdächtigen.

In der griechischen Hauptstadt hatten am Montag und Dienstag die beiden Festgenommenen sowie andere unbekannte Täter Pakete mit Brandsätzen an mehrere Botschaften geschickt, darunter auch die Vertretungen Deutschlands und der Schweiz. Ein Päckchen mit Sprengstoff ging aus Griechenland an das Kanzleramt in Berlin und wurde dort rechtzeitig entschärft. Am Dienstagabend wurden im Athener Flughafen zwei weitere Briefbomben unschädlich gemacht. Sie waren an den Europäischen Gerichtshof und an das Europäische Polizeiamt (Europol) adressiert.

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), sieht wegen der im Kanzleramt angelieferten Paketbombe Anlass zur Sorge vor Nachahmern. "Wir müssen das sehr ernst nehmen - und zwar unabhängig davon, ob es einen terroristischen Hintergrund hat", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Denn solche Funde rufen immer wieder Nachahmungstäter auf den Plan, die auf ähnliche Ideen kommen könnten." Ein terroristischer Hintergrund sei derzeit "reine Spekulation", fügte Bosbach hinzu. Auch einen Zusammenhang mit den Funden in den Flugzeugen halte er für eher unwahrscheinlich. Die Vorgehensweise sei eine völlig andere.

Das Bundeskanzleramt in Berlin war am Dienstag einem Anschlag entgangen, den mutmaßlich griechische Linksextremisten verüben wollten. In der Postverteilerstelle war gegen 13 Uhr ein kleines Paket mit einem ausgehöhlten Buch abgegeben worden, das nach Angaben von Sicherheitskreisen eine Rohrbombe enthielt und an Bundeskanzlerin Angela Merkel adressiert war. „Es sah aus, als habe jemand ein Zeichen setzen wollen“, sagte ein Experte dem Tagesspiegel, „ein Spaßding war das nicht.“ Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte am Abend, das Paket habe die gleiche Bauart gehabt wie der Sprengsatz, der am Dienstag in Athen in der Botschaft der Schweiz explodiert war. Eine weitere Paketbombe ging in der russischen Botschaft in Athen hoch, verletzt wurde in beiden Fällen niemand. Ein Sprengsatz, der an die deutsche Botschaft gerichtet war, konnte rechtzeitig entschärft werden.

In der griechischen Hauptstadt waren am Montag und Dienstag zunächst neun Paketbomben gefunden worden, die an mehrere ausländische Botschaften und an Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy adressiert waren. Für die Anschlagsserie machen die griechischen Behörden die linksextreme Gruppe „Verschwörung der Zellen des Feuers“ verantwortlich. Die Polizei nahm zwei Personen aus dem linksterroristischen Spektrum fest. Am Dienstagabend wurden zwei weitere Briefbomben im Athener Flughafen entdeckt. Sie seien an das Europäische Polizeiamt (Europol) in Den Haag und an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg adressiert gewesen, hieß es.

Ein Entschärfungskommando des Berliner Landeskriminalamtes machte das Päckchen im Kanzleramt mit einer Wasserkanone unschädlich. Wäre es im Postverteilzentrum explodiert, hätten Personen Verletzungen erlitten, hieß es in Sicherheitskreisen. Der Sprengsatz hätte „durchaus nicht unerheblichen Schaden anrichten können“, sagte de Maizière. Die Art des Sprengstoffs ist allerdings noch unklar. Zunächst hatten Sicherheitskreise von Schwarzpulver gesprochen. Später hieß es, in der „unkonventionellen Sprengvorrichtung“ könnte sich auch ein Gemisch aus Schwarzpulver und einer weiteren Substanz oder ein anderes Laborat befunden haben. Das Bundeskriminalamt untersucht die Reste des Päckchens.

Größere Gefahr für das Kanzleramt habe nicht bestanden, sagten Experten, das Gebäude wurde nicht geräumt. Die Postverteilerstelle befindet sich nicht direkt im Amt, sondern einige Meter daneben. Dort werden alle eingehenden Sendungen durchleuchtet. Kanzlerin Angela Merkel hielt sich nicht in Berlin auf, sondern war nach Belgien gereist. Die Bediensteten hatten die Weitergabe des verdächtigen Päckchens gestoppt und die Polizei alarmiert. Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, betonte am Abend, dass niemand verletzt worden sei. Das Päckchen habe „verdächtige Merkmale“ aufgewiesen, die auf einen Sprengsatz hindeuteten. De Maizière widersprach Gerüchten, wonach es eine Warnung gegeben habe. Der Minister appellierte an „alle öffentlichen Stellen in Deutschland“, besondere Vorsicht walten zu lassen bei Postsendungen, die ungewöhnlich erscheinen. Das Päckchen wurde laut de Maizière vor zwei Tagen von Griechenland in die Bundesrepublik versandt. Als Absender sei das griechische Wirtschaftsministerium angegeben worden, sagten Sicherheitskreisen.

Der Sprengsatz sei mit einer Frachtmaschine nach Deutschland gebracht und vom Logistikunternehmen UPS im Kanzleramt abgegeben worden. UPS hatte Ende vergangener Woche auch eine der Paketbomben transportiert, die mutmaßlich Al Qaida im Jemen aufgegeben hatte und die auf dem Flughafen Köln/Bonn nach Großbritannien weitergeleitet worden war. Unterdessen hieß es in den USA, schon im September seien verdächtige Postsendungen ohne Sprengstoff abgefangen worden, die auf eine „Trockenübung“ von Al Qaida hindeuteten. (mit dpa/AFP/dapd)

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