Politik : Expo 2000: "Kreative Unternehmen brauchen Mitbestimmung"

Walter Riester

Das Diskussionsforum "Global Dialogue" gilt als intellektuelles Rückgrat der Expo 2000. International führende Köpfe und Organisationen präsentieren in Vorträgen und Workshops ihre Ideen zu insgesamt zehn Themenreihen. Bis zum Donnerstag steht das Thema "Arbeiten im 21. Jahrhundert - nachhaltiges Wirtschaften und soziale Verantwortung" auf dem Programm. Es folgt der Textbeitrag des Bundesarbeitsministers.

Alles hat seine Zeit. Denk ich an Globalisierung bei der Nacht, dann denke ich beispielsweise an die Internet-Zeit eines Schweizer Uhrenherstellers. Zeitzonen lösen sich auf, der Tag hat nicht mehr 24 Stunden, sondern wird in 1000 Beats eingeteilt. So können sich Axel aus Ostfriesland und William aus Los Angeles um 324 Beats im Internet verabreden.

Wenn die Rede auf die Globalisierung kommt, dann schwankt das Zukunftsbarometer zwischen Optimismus und Pessimismus. Dann trifft Hoffnung auf Skepsis. Zukunft braucht Mut. Unsicherheit und Angst entmutigen. Wer das Gefühl hat, dass das Schiff sinkt, der hat Angst. Zukunft braucht also sozialen Ausgleich, denn wenn ein "Rette sich, wer kann" erschallt, dann ist es vorbei.

Betriebliche Mitbestimmung braucht Zukunft, denn die betriebliche Mitbestimmung ist Garant für sozialen Ausgleich und den innerbetrieblichen Frieden. Mitbestimmung hilft, sich über notwendige Umstrukturierungen auch dann zu einigen, wenn diese mit erheblichen Zugeständnissen der Belegschaft verbunden sind. Betriebliche Mitbestimmung räumt die Möglichkeit ein, an der Gestaltung der Arbeitswelt mitzuwirken und sie sozial abzufedern. Betriebliche Mitbestimmung wirkt somit einem Ohnmachtsgefühl entgegen.

In einer Zeit, in der Um- und Restrukturierung immer mehr zum Schwerpunkt unternehmerischen Handelns werden, drohen Beteiligungsrechte ins Leere zu laufen. Im Leerlauf kann man aber nicht beschleunigen. Wenn der Kopf weiter laufen will, hilft es ihm nichts, wenn die Füße auf der Stelle treten. Also müssen wir die Betriebsverfassung auf die neuen Herausforderungen einstellen, denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen den Weg in die Zukunft mitgehen. Auch die Kritiker der betrieblichen Mitbestimmung werden unterschreiben, dass jedes Unternehmen auf Kreativität, auf neue Ideen angewiesen ist. Das ist Grundbedingung, um im Wettbewerb zu bestehen. Setzen aber nicht eben Kreativität und Ideen ein kritisches Urteilsvermögen voraus? Also Mitarbeiter, die sich in ihrem und im Interesse des Unternehmens einmischen, die mitmischen wollen? Sie sind das Gegenteil eines kritik- und gesichtslosen Mitarbeiters ohne Identität und Rückgrat, der sich jederzeit problemlos ein- und anpasst. Wer kann ein Interesse an einem derart "flexiblen Mitarbeiter" haben? Ein vorausschauender und moderner Unternehmer jedenfalls nicht.

Das Expertenwissen jedes einzelnen Arbeitnehmers im Unternehmen ist das Kapital des Erfolges. Human Capital steckt nicht nur in der Führungsetage, sondern in jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin. Sie sind es, die auch die ganz kleinen Ecken und Kanten kennen, an denen es im Produktionsablauf manchmal hakt. Das darf aber keine Einbahnstraße sein. Das Wissen der Belegschaft wird keine Früchte tragen, wenn sie nicht über Entscheidungen informiert und an ihnen beteiligt wird, die ihre Arbeit und ihre Arbeitsplätze betreffen. Ohne Information, Anhörung oder Mitbestimmung kann das nicht funktionieren. Wie können Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen bei ihrer Arbeit Verantwortung übernehmen, wenn sie nur Empfänger nicht nachvollziehbarer Anweisungen und Entscheidungen sind?

Verantwortungsbewusstsein ist nicht alles auf dem Weg in die Zukunft, aber viel. Das gilt nicht nur für Betriebe. Das gilt auch, wenn eine neue Welt entsteht, wie es auf der Expo gezeigt wird. Verantwortungsbewusstsein ist Grundbedingung für einen verantwortungsvollen Umgang der Menschen untereinander. Es ist Grundbedingung für einen verantwortlichen Umgang mit der Natur. Es ist Grundbedingung für einen verantwortungsvollen Umgang mit Technik. Zukunft braucht Verantwortungsbewusstsein, dann kommt der Mut von ganz alleine.

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