Politik : Expo 2000: Nomaden des Hightech-Zeitalters

Lars von Törne

Die Zukunft der Arbeit ist ein wilder Tanz. Auf der Expo-Schau zum Thema Arbeit präsentieren der Choreograf Frédéric Flamand und seine Truppe den Besuchern der Weltausstellung, wie die traditionellen Berufe des 20. Jahrhunderts von der Modernisierung hinweggefegt werden. Plötzlich ein Szenenwechsel. Mahnend halten die Tänzer Schilder hoch mit Aufschriften wie "Solidarität" oder "Mitbestimmung": Auch im 21. Jahrhundert brauchen Arbeitnehmer eine Interessenvertretung - Gewerkschaften haben Zukunft.

Diese Botschaft gefällt Peter Wilke. Er leitet das Büro der deutschen Gewerkschaften auf der Weltausstellung und hat am Konzept des Tanztheaters mitgearbeitet. In der Expo-Beteiligung der Arbeitnehmerverbände sieht er eine Chance, das angestaubte Image der Gewerkschaften aufzupolieren. "Das Publikum ist jung, Deutschland präsentiert sich unaufgeregt und sympathisch - warum sollten wir nicht dabei sein?", fragt der Unternehmensberater im Gespräch mit dem Tagesspiegel. "Hier können wir fragen, wie die Zukunft aussieht, wenn wir alle Nomaden des Hightech-Zeitalters werden - ohne dass wir eine Antwort haben."

In den Zentralen der Gewerkschaften wird der Expo-Auftritt hochgehängt. Rund zwei Millionen Mark lässt sich der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Präsentation kosten - 20 Prozent des Etats für die aktuelle Imagekampagne unter dem Motto: "Wer, wenn nicht wir?" Geschätzte zehn Millionen Mark kostet das gesamte Engagement von DGB und der Deutschen Angestelltengewerkschaft DAG als Expo-"Förderpartner".

Die Beteiligung der Gewerkschaften an der gelegentlich als Schau der Großindustrie kritisierten Expo war intern anfangs umstritten. "Mitte der neunziger Jahre gab es heftige Debatten, ob wir uns beteiligen sollen", erinnert sich Peter Wilke. Aber dann überwog die Überzeugung, die Weltausstellung als "Kommunikationsfläche" nutzen zu wollen. Diese "historisch einmalige Kraftanstrengung der deutschen Gewerkschaften", wie Wilke es nennt, beschränkt sich dabei nicht auf die kurzweilige Schau im Themenpark. Im Ausstellungspavillon "Global House" präsentiert der DGB gemeinsam mit ausländischen Gewerkschaften Beispiele für den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen. Mit dem Modell der gesunkenen "Estonia" und einem Film über die Arbeit an Bord von Schiffen unter Billigflaggen werden verantwortungslose Reeder angeprangert, die Schuhfabrik "Lloyd" wird als Beispiel für die vorbildliche Mitsprache von Arbeitnehmern gelobt.

Das dritte Standbein der Gewerkschaften auf der Weltausstellung ist das, was man traditionell von ihnen erwarten würde: die Vertretung der Beschäftigten. Hier haben sie mehr zu tun, als ihnen lieb ist. Wegen der anhaltenden Besucherflaute sind schon mehr als 2400 Arbeitsverträge von Expo-Helfern gekündigt worden, Hunderte weitere Mitarbeiter des Personaldienstleisters Adecco müssen in den nächsten Tagen mit Kündigungen rechnen. Zwar hat Adecco auf Druck der Gewerkschaften vier zusätzliche Leute als "Expo-Betriebsrat" eingestellt, wie Wilke betont. Auch würden bei den Kündigungen soziale Kriterien berücksichtigt. Immer wieder stoßen die Gewerkschafter auf der Expo allerdings an enge Grenzen. Da es für viele Beschäftigte auf der Weltausstellung keine Tarifverträge gibt, sind bei einigen Lizenznehmern Stundenlöhne von unter fünf Mark bei einer 60-Stunden-Woche "bittere Realität", klagte kürzlich der hannoversche IG-Metall-Chef Hartmut Meine. Auch bei betriebsbedingten Kündigungen sind DGB und DAG machtlos. Um gegen diese Zustände zu protestieren, wollte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten am Donnerstagabend einen Warnstreik auf der Expo veranstalten. Das Expo-Motto "Mensch - Natur - Technik", so warnte Gewerkschafter Meine, werde zunehmend durch das Prinzip "hire and fire" verdrängt. Da hilft dann auch kein Tanztheater mehr.

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