Politik : Expo 2000: Praktische Entwicklungshilfe

Lars von Törne

Als Mosambik Anfang des Jahres von der großen Überschwemmung heimgesucht wurde, da schien für Sozinho Arnaldo Boana der geplante Auftritt seines Landes auf der Expo gelaufen. "Nach der Flutkatastrophe waren viele in unserer Regierung der Meinung, dass wir die Million für die Präsentation in Hannover lieber den Notleidenden bei uns geben sollten", erinnert sich der Pavillon-Manager des südostafrikanischen Landes. Aber dann habe sich die deutsche Regierung über die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) eingeschaltet. "Die Deutschen haben uns überredet, trotz der Katastrophe nach Hannover zu kommen und unsere Zuschüsse noch einmal aufgestockt", sagt Boana. Die Regierung in Maputo ließ sich umstimmen und stellte immerhin noch 500 000 Mark für den Pavillon zur Verfügung. "Zu Anfang war ich sehr skeptisch, ob sich das lohnt", sagt der Pavillon-Chef. Aber inzwischen sieht er die Präsentation Mosambiks als Erfolg. In den vergangenen fünf Monaten hätte er viele Kontakte zu Unternehmen und Organisationen aus anderen Ländern geknüpft, die ohne die Weltausstellung nie enstanden wären. "Das ist für uns praktische Entwicklungshilfe", freut sich Boana.

Solche Berichte hört Andreas von Schumann gerne. Er ist Sprecher der "One-World-Initiative" der Bundesregierung. Dort laufen alle Fäden der deutschen Entwicklungshilfe im Rahmen der Expo zusammen. Der Auftritt der ärmsten Staaten in Hannover ist für von Schumann ein "Riesenerfolg". Nie zuvor seien so viele Entwicklungsländer auf einer Weltausstellung vertreten gewesen wie in den vergangenen fünf Monaten. 100 Millionen Mark hat die Bundesregierung nach von Schumanns Angaben aus einem Sondertopf zur Verfügung gestellt, um 104 Staaten zu beraten und ihnen finanziell unter die Arme zu greifen.

Viele Kritiker der Weltausstellung sehen diese Bemühungen allerdings mit gemischten Gefühlen. "Wenn man die Präsentationen wie die von Äthiopien sieht und weiß, welch bittere Armut und welche kriegerischen Auseinandersetzungen in dem Land herrschen, dann hat das schon etwas Sarkastisches", sagt der niedersächsische Landtagsabgeordnete Enno Hagenah (Grüne). Er kritisiert, dass auch die ärmsten Länder "sich genötigt fühlten, einander in einem Wettbewerb der Repräsentation auf der Expo auszustechen". Manches Land habe das Geld besser für die Ernährung der heimischen Bevölkerung gebrauchen können als zur Unterhaltung der Weltausstellungsgäste.

"One-World"-Sprecher von Schumann weist die Kritik zurück. "Die Investition in Hannover hat sich für die meisten Länder sehr gelohnt", sagt er. So hätten viele Staaten neben wirtschaftlichen, außenpolitischen und touristischen Interessen auch das Ziel verfolgt, ihr Image im Ausland zu verbessern. Und das zahle sich langfristig auch für die Bedingungen im Inland aus. Zum Beispiel Albanien. "Das Land wird häufig nur mit Flüchtlingen und Hütchenspielern in Verbindung gebracht", sagt von Schumann, "aber kaum einer kennt die albanische Kultur." Das habe die Expo geändert. Umfragen bestätigten einen "großen Imagegewinn" für das Land. Ähnlich gehe es auch Staaten wie Jemen oder Eritrea, die bislang vor allem als Bürgerkriegs- und Hungerländer bekannt gewesen seien und in Hannover jetzt ihre kulturellen und wirtschaftlichen Stärken herausstellten.

Für einige Staaten allerdings war der Expo-Auftritt ein Kraftakt, bei dem sie an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stießen. So drohte dem Sambia-Pavillon wegen finanzieller Schwierigkeiten vorübergehend das Aus, weil man die hohen Kosten unterschätzt habe. Diese Geschichte mag Pavillondirektor Jonathan Simwawa heute allerdings nicht mehr hören. Er sieht den Expo-Auftritt seines Landes als Erfolg und erzählt Geschichten wie die von dem deutschen Investor, der künftig aus sambischen Rohstoffen Möbel für Europa herstellen möchte.

Für eines der armen Länder sind derartige Bilanzen offenbar ohne Bedeutung. Das Königreich Bhutan, das auf Einladung der GTZ nach Hannover kam, habe mit seinem nachgebauten buddhistischen Tempel lediglich die Besucher der Expo erfreuen und spirituell anregen wollen, erklärt Pavillonsprecher Raling Nawang Drukdra. Wirtschaftliche oder politische Kontakte habe sein Land von Anfang an nicht angestrebt: "Für uns ist die Brutto-Inlands-Zufriedenheit wichtiger als das Brutto-Inlands-Produkt."

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