Politik : Expo 2000: Stecknadeln im Heuhaufen Expo

Lars von Törne

Joschka Fischer weiß, wie er jugendliche Zuhörer für sich gewinnen kann - und sei es auf Kosten seiner eigenen Parteifreunde. "Wenn ich mir die Grünen so angucke, dann gibt es wirklich Anlass zu der Parteiverdrossenheit, von der ihr hier sprecht", antwortet er seinen jungen Gesprächspartnern auf dem Podium. Damit hat der Außenminister die Lacher im "Convention Center" der Expo auf seiner Seite. "Aber trotzdem gibt es zu politischen Parteien keine Alternative", setzt er nach. Und appelliert an die rund 600 Jugendlichen im Saal: "Wer sich nicht einmischt, der wird platt gemacht." Fischer war einer der prominenten Gäste, die zum Abschluss der Reihe "Global Dialogue" zur Weltausstellung nach Hannover kamen, um drei Tage lang mit jungen Entscheidungsträgern über Perspektiven für die Weltgesellschaft zu diskutieren. Das Thema: "Zukunft braucht globale Partnerschaft."

Der Global Dialogue gilt als intellektuelles Rückgrat der Expo und sollte mit dafür sorgen, dass vor lauter bunter Unterhaltung die Inhalte nicht zu kurz kommen. Themenpark-Chef Martin Roth zog eine positive Bilanz. Mehr als 3000 Politiker, Wissenschaftler, Künstler und Aktivisten aus 60 Ländern haben sich im Windschatten der Weltausstellung getroffen, um über Zukunftsfragen zu diskutieren. Die Bandbreite der Themen reichte von internationalem Umweltschutz über Genforschung bis zur Bekämpfung der Armut. Aus Roths Sicht ist dabei ein weltweites Netz zwischen Menschen entstanden, das seinesgleichen sucht.

Bei den Debatten hätten sich Menschen aus aller Welt kennen gelernt, die sich sonst nie begegnet wären. So wie die nigerianische Menschenrechtlerin, die künftig per Internet mit einem deutschen Start-up-Unternehmer zusammen arbeiten will, der Vizepräsident Kolumbiens, der mit dem ugandischen Parlamentarier Ekanya Geofrey über die Globalisierung debattiert und Hunderte weitere Politiker, Fachleute und Aktivisten, die miteinander diskutierten.

Manche Teilnehmer zeigten sich allerdings skeptisch über den praktischen Nutzen. "Das ist doch mehr ein globaler Monolog als ein Dialog", bemerkte ein Zuschauer nach der Präsentation der teilweise sehr formelhaft gehaltenen Abschluss-Thesen. Andere hätten sich mehr Anregungen für ihre praktische Arbeit gewünscht. Und Ugandas Jugendministerin Nsangi Mary Kakembo, die ihr Land als offizielle Delegierte vertrat, kritisierte, dass in Hannover über Projekte wie die Internet-Initiative der deutschen Bundesregierung oder die von Satelliten gesteuerte Aussaat von Getreide diskutiert werde, während bei ihr zu Hause vielen Familien schlicht das Geld fehle, ihre Kinder zur Schule zu schicken.

Für Expo-Manager Roth war die Veranstaltung ein voller Erfolg. "Wir wollten einen Prozess anstoßen, der über die Expo hinaus geht", sagt er. Dennoch schränkt er ein, dass auch er sich noch mehr dauerhafte Kontakte gewünscht hätte. Auch sei - abgesehen von Ausnahmen wie Fischer - die Beteiligung deutscher Politiker hinter den Erwartungen zurückgeblieben. "Eine so seriöse Veranstaltung wie der Global Dialogue inmitten der quirligen Expo hat nun einmal ihre deutlichen Grenzen", sagt er. Gelohnt habe sich die Mühe dennoch: "Man muss eben einen Heuhaufen produzieren, damit man darin ein paar Stecknadeln finden kann."

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