Extremismus : Antisemitismus in Deutschland wächst

In Deutschland treten Antisemiten immer offener auf. Für die Amadeu-Antonio-Stiftung sind es längst nicht mehr nur Rechtsextreme, die ihre judenfeindlichen Einstellungen verbreiten. Die Stiftung fordert vor allem eins: Bildung, Bildung, Bildung.

Michael Winckler[ddp]

BerlinAntisemitische Vorurteile seien inzwischen ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, teilte die Stiftung mit. Die Grünen konstatieren zunehmenden Antisemitismus bei Jugendlichen aus Einwandererfamilien. Zu Beginn der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2007 hat Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) erneut das Verbot der NPD gefordert. Die Partei finanziere sich zu 40 Prozent durch Mittel der Demokratie. Dass der Rechtsstaat seine Feinde finanziere, sei eine "perverse Situation" und eine "Sauerei"", sagte Thierse.

Die Aktionswochen gegen Antisemitismus sind eine Initiative der Amadeu-Antonio-Stiftung. Mehr als 150 Veranstaltungen in rund 70 Städten und Gemeinden in allen Bundesländern werden ausgerichtet. Die beteiligten Gruppen setzen sich in Gedenkveranstaltungen, Theater- und Filmaufführungen sowie Zeitzeugengesprächen und Lesungen mit historischem und aktuellem Antisemitismus auseinander.

In der Mitte der Gesellschaft angekommen

"Nichts ist wichtiger als Ausdauer und Kontinuität in der Beschäftigung mit Antisemitismus", betonte Thierse. Dieser sei etwas "Zähes, Klebriges", was nicht verschwinden wolle. Die Vorstandsvorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane, erklärte, die Aktionswochen würden in zeitlicher Nähe zum Gedenktag an die Pogromnacht vom 9. November 1938 beginnen, um die Bevölkerung über das gesamtgesellschaftliche Problem des Antisemitismus zu informieren und aufzuklären. Aber das ganze Jahr über müsse gegen zunehmenden Antisemitismus gehandelt werden sowie gegen Angriffe auf Minderheiten, die nicht ins Weltbild von Rechtsextremisten passten.

Steffen Andersch vom Projekt Gegenpart Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt unterstrich, dass Antisemitismus nicht nur unter Rechtsextremen grassiere, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei. Seit zwei bis drei Jahren sei die erschreckende Entwicklung zu beobachten, dass sich Antisemiten immer öfter trauten, ganz offen zu ihrem Weltbild zu stehen.

Eine im Auftrag der Amadeu-Antonio-Stiftung erarbeitete Studie zu Perspektiven gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit hat unter anderem ergeben, dass antisemitische Tendenzen selbst unter solchen Jugendlichen festzustellen sind, die sich selbst nicht als antisemitisch verstehen und den Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten verurteilen. Mehr als 20 Gruppen von Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 19 im Bundesgebiet wurden befragt, was sie über Juden und jüdisches Leben wissen. "Die Wahrheit ist: Antisemitismus steckt in vielen der Jugendlichen", schreibt Kahane in ihrem Vorwort. Die von den Autoren formulierten Anforderungen an Pädagogen zeigten einen Weg auf, der erfolgversprechend sei.

Probleme in Berlin

Die Grünen-Fraktion forderte den Senat auf, effektiv gegen Antisemitismus und Rassismus vorzugehen. "Die bisherigen Maßnahmen reichen nicht aus", teilte die integrationspolitische Sprecherin Bilkay Öney mit. Vor allem konzentrierten sie sich zu sehr auf die Nazi-Szene und auf Projekte in den östlichen Bezirken der Stadt. Dabei mache sich Antisemitismus auch zunehmend unter muslimischen Jugendlichen breit. Dies sei häufig mit einer starken Israel-Feindlichkeit verbunden.

"Auf Schulhöfen wird das Wort Jude als Schimpfwort benutzt, Kippa-Träger werden attackiert, jüdische Einrichtungen müssen bewacht werden, weil sie vor Übergriffen nicht sicher sein", fügte Öney hinzu. Rassismus und Antisemitismus hätten insgesamt unter Jugendlichen aus Einwandererfamilien stark zugenommen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar