• Fachkräftemangel: Können die deutschen Firmen ihre Lücken mit Arbeitern aus Südeuropa füllen?

Fachkräftemangel : Können die deutschen Firmen ihre Lücken mit Arbeitern aus Südeuropa füllen?

Die Bundesagentur für Arbeit wirbt gezielt in den Euro-Krisenländern Griechenland, Portugal und Spanien um Fachkräfte.

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Angesichts von fünf Millionen Arbeitskräften, die aktuellen Prognosen zufolge in 15 Jahren fehlen werden, dürfte die Anwerbung in europäischen Krisenländern deutschen Unternehmen allenfalls helfen, einen Teil ihrer offenen Stellen zu besetzen. Noch ist der Fachkräftemangel in Deutschland nicht flächendeckend zu spüren. Aber in bestimmten Regionen und Berufsgruppen haben Arbeitgeber Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden: Zu den händeringend gesuchten Spezialisten gehören Elektro-, Maschinenbau- und Fahrzeug-Ingenieure ebenso wie Ärzte und Pfleger.

Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit sieht etwa in Spanien, wo 40 Prozent der jungen Leute arbeitslos seien, „ein großes Potenzial“, sagte ZAV-Direktorin Monika Varnhagen der „Welt“. Tausende von Ingenieuren seien dort arbeitslos, auch IT-Spezialisten. Grundsätzlich seien 17 000 Spanier an einer Arbeit in Deutschland interessiert. Die ZAV bietet gemeinsam mit den nationalen Arbeitsbehörden in den Ländern Informationsveranstaltungen und Beratungen an.

In Portugal versucht die ZAV, vor allem Pflegekräfte für deutsche Krankenhäuser und Pflegeheime zu rekrutieren. „Dort gibt es ein großes Interesse von Pflegekräften, in Deutschland zu arbeiten“, sagt Varnhagen. In Griechenland wiederum werde vor allem nach jungen Ärzten gesucht. Für griechische Mediziner sei Deutschland interessant, weil sie in ihrem Heimatland sehr lange auf eine Ausbildung zum Facharzt warten müssten.

In Spanien hat die Wirtschaftskrise zwar dazu geführt, dass mehr junge Leute bei der Suche nach einem Arbeitsplatz ihren Blick ins Ausland richten. „Deutschland ist nun endlich auch in den Fokus gerückt“, sagt Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer für Spanien. Er warnt jedoch vor übertriebenen Erwartungen. „Die hohe Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent in Spanien betrifft zwar auch Ingenieure, aber vor allem geringer Qualifizierte“, sagt von Plettenberg. Zwischen 2008 und 2011 habe die Zahl der Spanier in Deutschland um weniger als 5000 zugenommen. „Das ist nicht vergleichbar mit der Situation in den 60er Jahren.“

Die Deutsche Handelskammer in Spanien habe aber gute Kontakte zu den Ingenieurkammern aufgebaut, sagt der Geschäftsführer. „Wir hoffen, dass wir dadurch mehr Ingenieure als bislang an deutsche Unternehmen vermitteln können.“ Bei zwei Rekrutierungsseminaren in den vergangenen Wochen hätten sich 250 Ingenieure über die Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland informiert. „Ein Teil der Interessenten war nicht arbeitslos. Die wollten aber gerne mal über den Tellerrand blicken, etwa weil sie derzeit unter ihrer Qualifikation angestellt sind.“ Allerdings gebe es auch in Spanien Regionen wie etwa das Baskenland, wo Ingenieure fast ebenso dringend gesucht würden wie in Deutschland.

Erschwert wird die Vermittlung außerdem dadurch, dass viele Bewerber kein Deutsch sprechen. In vielen Ländern Europas werde Deutsch gar nicht mehr als Fremdsprache angeboten, sagt ZAV-Direktorin Varnhagen. Hoch Qualifizierte gingen daher auch eher in den englischsprachigen Raum. Länder wie Neuseeland, Kanada und Australien böten den qualifizierten Zuwanderern außerdem häufig nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern ein Rundum-Paket für die ganze Familie – mit Sprachkurs, Wohnung, einem Arbeitsplatz für die Ehefrau und einem Kindergartenplatz fürs Kind.

Die Sprachbarrieren sind nach Analyse des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) auch einer der Gründe dafür, dass es in den vergangenen Monaten keinen Ansturm aus Osteuropa auf den deutschen Arbeitsmarkt gegeben hat.

Seit dem 1. Mai sind die bisherigen Schranken vollständig gefallen, doch bislang beschränkt sich das Interesse vor allem auf die Grenzregionen in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen. „Man hat die Zuwanderung, aber auch die Werbung für den Standort Deutschland viele Jahre lang vernachlässigt.Es ist nicht so, dass Deutschland nur den Hebel umlegen müsste und dass dann junge, gut qualifizierte Arbeitskräfte aus aller Herren Länder zu uns kämen“, sagt der DIHK-Arbeitsmarktexperte Stefan Hardege.

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