Politik : Fair-lieren

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Da wir es hier am gestrigen Tage mit Abweichungen der deutschen Sprache im Allgemeinen und Österreich im Besonderen zu tun hatten, wollen wir mal kurz in der Alpenrepublik verharren, ehe der Blick zurück auf die heimischen Linden schwenkt. Neulich, in einem Kaffeehaus in Wien, fand sich an der Tür einer Toilette das folgende Schild: „Wegen technischer Gebrechen vorübergehend außer Betrieb!“ Technische Gebrechen? In Deutschland wäre dies ein technischer Defekt. Aber Österreich ist eben so durch und durch menschlich-allzumenschlich, da wird auch der schnöden Klospülung im „Hotel Imperial“ die Dimension humaner Unzulänglichkeit angedichtet.

Wir lernen: Was dem Deutschen ein Defekt, ist dem Alpenbürger ein Gebrechen. Nun also zurück zur deutschen Politik. Olaf Scholz will aus der „sozialen Gerechtigkeit“ bekanntlich die „Gerechtigkeit“ herausdestillieren. Andernorts kommt die „Gerechtigkeit“ selbst unter die Räder. Der neue Modebegriff heißt Fairness. „Deutschland fair ändern“ sagt die CDU. „Frei und fair“ müsse die Bundesrepublik werden, so steht es zumindest über dem Papier, an dem Guido Westerwelle gerade schreibt. Die bürgerliche Opposition streitet also mit dem Kampfwort „fair“ gegen die überholte Gerechtigkeit der SPD. Zu viel Gerechtigkeit zu fordern, das ist eben zum technischen Gebrechen der Politik in den Zeiten steten Reformierens geworden. Lieber also: Fairness, fair sein, fair ändern. Die Sozialdemokratie darf auf diesen Zug allerdings nicht aufspringen. Denn wenn sie sich das Wörtchen „fair“ einverleiben würde, dann wohl so: Was treibt die SPD dieser Tage um? Die rastlose Arbeit am Projekt fair-lieren.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar