Politik : Fakten oder Fiktion?

Stephan Wiehler

"Sich regen bringt Segen", und "Müßiggang ist aller Laster Anfang." Nicht nur der Volksmund weiß jede Menge über die Arbeit zu sagen. Wir sind einigen Aussagen auf den Grund gegangen.

"Arbeit ist das halbe Leben" (Volksmund) Falsch: Arbeit ist mehr als das halbe Leben. Das Statistische Bundesamt gibt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland bei Männern mit 74,4 und bei Frauen mit 80,6 Jahren an. Die Lebensarbeitszeit beträgt 40,6 Jahre (Stand 1990). Um 1900 arbeiteten die Deutschen im Durchschnitt 43,8 Jahre. Kindheit, Schul- und Ausbildung bzw. Hochschulzeit nehmen heute etwa 19,4 Jahre in Anspruch (1900: 14,2 Jahre). Drastisch verlängert hat sich die Dauer des Ruhestands: von 4,8 Jahren um 1900 auf heute 16,4 Jahre.

"Arbeit macht frei": Die zynische Inschrift fand sich auf den Lagertoren von mindestens fünf Konzentrationslagern des Dritten Reiches: Dachau, Flossenbürg, Sachsenhausen, Ravensbrück und Auschwitz. Der Spruch geht auf mindestens zwei Quellen zurück: 1872 erschien in der Wiener Zeitung "Presse" ein Roman mit diesem Titel von dem freireligiös-deutschnationalen Autor Lorenz Diefenbach. Der Protagonist, ein Spieler und Betrüger, wird durch geregelte Arbeit wieder auf den Pfad der Tugend gebracht. 1922 begann der pangermanisch-antisemitische "Deutsche Schulverein Wien" Beitragsmarken mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" zu verwenden. Hier nahm die verhängnisvolle Geschichte ihren Ausgang.

"Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps" (Volksmund): In den meisten Unternehmen ist das Trinken von Alkohol während der Arbeitszeit untersagt. Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren schätzt, dass fünf bis acht Prozent der Berufstätigen ein Alkohol-Problem haben und auch während der Arbeitszeit trinken.

"Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen" (Volksmund). Von 1950 bis 2000 sank die tarifliche Arbeitszeit in Deutschland von durchschnittlich 48 auf 38 Stunden. Im gleichen Zeitraum stieg die Anzahl von bezahlten Urlaubstagen von 12 auf durchschnittlich 30 an.

"Es gibt kein Recht auf Faulheit" (Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Bild-Zeitung am 06. April 2001) Hans-Jürgen See aus Fußgönheim meint dagegen: "Ich glaube, dass nur Faulheit die Menschheit weiterbrachte Der Mensch erfand das Rad, weil er zum Laufen und Lastenschleppen zu faul war! Kämpft aktiv für das Recht auf Faulheit!"

"Schaffe, schaffe, Häusle baue" (Volksmund) 55 Prozent der Deutschen, die zur Miete wohnen, möchten nach einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts, ein eigenes Haus bauen. Allerdings nicht um jeden Preis. 16 Prozent der Befragten sind nicht bereit, mehr als 175 000 Euro für das Eigenheim einschließlich Grundstück zu investieren. Weiten 15 Prozent sind die eigenen vier Wände nicht mehr als 125 000 Euro wert, und weitere 12 Prozent wollen nur bis zu 75 Euro dafür ausgeben.

"Wer arbeiten kann, aber nicht will, der kann nicht mit Solidarität rechnen." (Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Bild-Zeitung am 06. April 2001)

"Wer Arbeit sucht, findet auch welche", lautet eine weitläufige Auffassung. Der arbeitslose Frank Dieter Liedtke hat eine andere Erfahrung gemacht: "Ich habe in zehn Monaten 255 Absagen auf meine Bewerbungen bekommen" - und das, obwohl Lüdtke als frisch diplomierter Ingenieur für technische Informatik auf einen Job mit vermeintlich großer Zukunft setzte.

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