Politik : Fall Kevin: Staatsrat rügt Jugendbehörde

Amt habe „katastrophale Entwicklung beschönigt“

Eckhard Stengel[Bremen]

Bremen - Es sei „ein Glück gewesen, dass Kevin es überhaupt so lange geschafft hat“. Mit diesen Worten kommentierte Ulrich Mäurer, SPD-Staatsrat des Bremer Justizressorts, das Versagen der städtischen Jugendbehörde im Fall des zweijährigen Kevin, der am 10. Oktober tot in der Kühltruhe seines drogenkranken Stiefvaters gefunden worden war. Als erster Zeuge war Mäurer von einem Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft vernommen worden.

Mäurer berichtete, der tatverdächtige 41- jährige Ziehvater habe eine „jahrzehntelange Drogenkarriere“ hinter sich gehabt und von den vergangenen 26 Jahren die Hälfte in Haft verbracht. Trotzdem sei die Behörde immer wieder zu dem Ergebnis gekommen: „Das wird alles positiv ausgehen.“ Er sei „ erstaunt“ darüber, sagte Mäurer, „wie man eine katastrophale Entwicklung so beschönigen kann“. Obwohl schon die Geburtsklinik im Januar 2004 große Bedenken gegen eine Herausgabe des Säuglings an die Eltern geäußert hatte, habe sich das Amt monatelang nicht um Kevin gekümmert. „Von März bis Dezember verschwindet Kevin offenbar völlig vom Bildschirm der Behörde“. Mit „normalem Dienstverhalten“ sei das nicht in Einklang zu bringen. Selbst nach Polizeieinsätzen und einer Klinikeinweisung wegen Misshandlungen habe das Kind bei den Eltern bleiben müssen. Es sei „ein kleines Wunder, dass ein Säugling unter diesen Umständen überhaupt überlebt“.

Den drogenabhängigen Eltern sei es immer wieder gelungen, den „sehr gutgläubigen“ Amtsmitarbeitern eine heile Welt vorzuspiegeln. Dabei hätten die Fachleute wissen müssen, dass gerade Süchtige gelernt hätten, sich positiv darzustellen. Auch hätten sie dem parteiischen Methadon-Arzt der Eltern zu sehr vertraut. Dramatisch verschlechtert habe sich die Lage nach der Totgeburt eines zweiten Kindes. Die Mutter sei danach „vollkommen von der Rolle“ gewesen. Erst nach ihrem ungeklärten Tod sei ein Amtsvormund für Kevin eingesetzt worden. Als Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und eine Familienrichterin sich besorgt über den Fall äußerten, habe das Jugendressort zwar Hilfen angeboten, aber als der Stiefvater diese nicht angenommen habe, sei das folgenlos geblieben.

Dass der betreuende Fallmanager des Jugendamts selbst Alkoholprobleme hatte, wie es die Bremer Grünen dargestellt hatten, sei für den Fall nicht ausschlaggebend gewesen, meinte Mäurer. Ausschlaggebend sei vielmehr, dass Fallmanager heute „nicht mehr über die früher übliche persönliche Nähe“ zu ihren Klienten verfügten. Doch mit mehr Personal sei „es mit Sicherheit nicht getan“.

Als zweite Zeugin berichtete eine Familienhebamme des Gesundheitsamts, sie habe den Fallmanager als „desinteressiert“ erlebt. Sie habe frühzeitig gewarnt, dass die Eltern nicht in der Lage seien, das Kind zu betreuen. Nach der Geburt habe sie die beiden beim Füttern des Jungen in der Stadt gesehen: „Sie standen so stark unter Drogen, dass der Löffel immer haarscharf an Kevin vorbeiging“.

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