"Fall Litvinenko" : "Die Dreckskerle haben mich erwischt"

In einem posthum veröffentlichten Schreiben hat der verstorbene russische Ex-Spion Alexander Litvinenko Präsident Putin und die Geheimdienste für den vermuteten Giftanschlag verantwortlich gemacht.

London - Es waren vielleicht nicht seine allerletzten Worte, aber Alexander Litvinenko lag schon auf dem Sterbebett in einem Londoner Krankenhaus, als er sie aussprach: "Die Dreckskerle haben mich erwischt." Gemeint waren damit die russische Regierung und ihre Geheimdienste, die ihn mit einem Giftanschlag ausschalten und sich für seine Kritik hätten rächen wollen. "Aber sie werden nicht alle kriegen", habe Litvinenko zu ihm noch gesagt, bevor er am Donnerstagabend gestorben sei, berichtete der Filmemacher Andrej Nekrasow der britischen "The Times". Er hatte den früheren russischen Agenten in der Londoner Universitätsklinik besucht. Um 21.21 Uhr verstarb Litvinenko auf der dortigen Intensivstation.

Zwei Tage vor seinem Ableben diktierte der frühere Spion einen Abschiedsbrief, in dem er den russischen Präsidenten Wladimir Putin für seinen Tod verantwortlich machte. "Sie haben es geschafft, einen Mann zum Schweigen zu bringen", hieß es in dem Brief des Todkranken, den sein Freund und Sprecher Alexander Goldfarb am Freitag auf den Stufen der Universitätsklinik verlas. "Aber der Protest aus aller Welt, Herr Putin, wird für den Rest des Lebens in Ihren Ohren nachhallen."

"Möge Gott Ihnen vergeben"

Putin habe sich "so barbarisch und rücksichtlos" gezeigt, wie seine ärgsten Feinde ihn dargestellt hätten, warf der frühere Agent ihm in seinem Brief vor. Der Staatschef habe gezeigt, dass er "keine Achtung vor dem Leben, vor der Freiheit oder irgendeinem Wert der Zivilisation" habe. "Möge Gott Ihnen vergeben, was Sie getan haben, nicht nur mir, sondern dem geliebten Russland und seinem Volk." Goldfarb und Litvinenko hatten sich in Russland im Gefängnis kennengelernt; es war der Bürgerrechtler, der dem Spion im Jahr 2001 bei der Flucht nach Großbritannien half.

Für Litvinenkos Freunde war klar, dass der Kreml den früheren Geheimdienstagenten auf dem Gewissen hat. Oleg Gordiewski, früher ein führender Mann beim KGB, der in den 80er Jahren nach England übergelaufen war, nannte Putin einen "internationalen Terroristen". Er sei sehr wütend darüber, wie "teuflisch" der russische Geheimdienst sei, sagte Gordiewski im britischen Sender BBC. Litvinenko sei an einem sehr raffinierten Gift gestorben, "das der KGB in seinen Geheimlabors entwickelt hat".

Todesursache noch immer unklar

Auch die Ärzte hatten zunächst gesagt, dass Litvinenko vergiftet worden sei; kurz vor seinem Tod rückten sie von dieser Vermutung aber wieder ab und erklärten am Donnerstag, sie wüssten nicht, woran der 43-Jährige erkrankt sei. Litvinenko war am Sonntag auf die Intensivstation verlegt worden, nachdem sein Zustand sich verschlechtert hatte. Ihm waren alle Haare ausgefallen, auch seine Leber und sein Knochenmark waren angegriffen.

Die Zeitung "The Guardian" berichtete, mehrere Ermittler hätten Zweifel daran, dass die russische Regierung hinter dem rätselhaften Tod stecke. Demnach geht die Polizei sogar der Möglichkeit nach, "dass er sich selbst vergiftet hat", vielleicht sogar, um den Kreml die Schuld dafür unterschieben zu können. Ein britischer Sicherheitsexperte, Glenmore Trenear-Harvey, zeigte sich im Gespräch mit der BBC auch skeptisch, was eine Vergiftung angehe: Die Gefahr für Russland sei "viel zu groß", dass die Beziehungen zu Großbritannien darunter leiden könnten.

Der Kreml selbst reagierte nüchtern auf Litvinenkos Ableben. "Der Tod ist immer eine Tragödie", sagte ein russischer Regierungssprecher am Freitag in Helsinki. Nun sei es an den britischen Behörden zu ermitteln. (tso/AFP)

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