Fall Litwinenko : Neue Hinweise auf Geheimdienste

In der Vergiftungsaffäre um den Ex-Spion Litwinenko gibt es neue Hinweise auf ein russisches Geheimdienst-Komplott. Zum Gesundheitszustand von Litwinenkos italienischem Kontaktmann widersprechen sich die Angaben.

London - Die Zeitung "Daily Telegraph" veröffentlichte Auszüge aus einem Dokument, das Litwinenko-Kontaktmann Mario Scaramella dem drei Wochen später an einer Vergiftung mit radioaktivem Polonium 210 verstorbenen Russen übergeben haben soll. Darin ist von einer Todesliste des russischen Auslandsgeheimdienstes (SVR) die Rede, auf der auch Alexander Litwinenko und Scaramella stünden. Der nach einem positiven Polonium-Test ebenfalls ins Krankenhaus eingewiesene Scaramella ist laut Zeitungsberichten dem Tod geweiht.

In dem vom "Daily Telegraph" veröffentlichten Memo heißt es, russische Geheimdienstagenten und eine Veteranen-Gruppe namens "Würde und Ehre" seien auf "Russlands Feind Nummer 1" Beresowski und seinen "Waffenbruder" Litwinenko angesetzt. Die Gruppe werde von einem Oberst Welentin Welitschko geführt. Außerdem stehe dem Memo zufolge auch Scaramellas Landsmann, der italienische Senator Paolo Guzzanti, auf der Liste. Scaramella werde als "MS", Guzzanti als "PG" geführt. Guzzanti leitet einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Rom, der sich mit der Tätigkeit sowjetischer Geheimdienste in Italien befasste.

"Die Namen von MS und PG werden oft erwähnt in vertraulichen Gesprächen zwischen Geheimdienstoffizieren, die im SVR, Kreml und im Verband der 'SVR Veteranen Würde und Ehre' arbeiten", zitierte die Zeitung aus dem Dokument. Ihre Aktivitäten stünden den russischen Interessen entgegen. Das Memo wurde demnach von Jewgeni Limarew verfasst, einem in der Schweiz lebenden Spezialisten für die Zusammenstellung solcher Einsatzgruppen. Limarews Vater habe in den 70er Jahren für den KGB gearbeitet. Laut "Guardian" wird in dem Papier der im britischen Exil lebende Wladimir Bukowsky als fünfte Zielperson genannt.

Zustand Scaramellas unklar

Der am Freitagabend nach einem positiven Polonium-210-Befund in die Londoner Universitätsklinik eingelieferte Scaramella hat laut britischen Presseberichten kaum Überlebenschancen. Die Ärzte gingen davon aus, dass die Überlebenschancen des Italieners "praktisch bei null" lägen, berichtete der "Daily Mirror" unter Berufung auf Polizeikreise. Die Ärzte hielten es "für ein Wunder", sollte Scaramella überleben. Die Zeitung "The Sun" berichtete, Scaramella sei "schwer krank"; laut "Daily Mail" schwebte der Italiener "in Lebensgefahr".

Zur Gefährdung Scaramellas gingen die Einschätzungen weit auseinander. Während ein Sprecher der britischen Gesundheitsbehörde HPA am Freitag von einer möglicherweise gesundheitsgefährdenden Polonium-Dosis gesprochen hatte, sagte ein Sprecher des Londoner University College Hospital, die bei Scaramella nachgewiesene Menge Polonium 210 sei "bedeutend" geringer als die von Litwinenko. Am Samstag sagte ein Kliniksprecher, erste Untersuchungen hätten "keine Hinweise auf Strahlungstoxizität" ergeben. Scaramella gehe es "gut".

Scaramella war einer der letzten gewesen, die Litwinenko vor seiner schleichenden Polonium-Vergiftung getroffen hatten. Er hatte den russischen Ex-Spion am 1. November in einem Londoner Sushi-Restarant getroffen, um ihm das zitierte Memo zu übergeben. Litwinenko starb am 23. November; in seinem Urin wurden große Mengen Polonium 210 gefunden. (tso/AFP)

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