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Fall Marwa : "Der Sohn lag im Blut der Mutter"

29.10.2009 00:00 Uhr

Dresdner Gerichtsmordprozess: Pflichtverteidiger versuchte den Angeklagten aufzuhalten.

Im Prozess um den Tod der 31-jährigen Apothekerin Marwa el-Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal hat der damalige Pflichtverteidiger des Angeklagten am Mittwoch ausgesagt. Alex W. habe in „ungeheuer kurzer Zeit“ auf sein Opfer eingestochen, „wie im Takt einer Nähmaschine“. Der 48-jährige Dresdner Anwalt Markus H. sagte, der Angriff sei „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“ gekommen. „Sie konnte nicht damit rechnen.“

Der 28-jährige, in Russland geborene Deutsche W. steht seit Montag vor Gericht. Die Anklage wirft ihm Mord und Mordversuch aus „Hass auf Muslime und Nichteuropäer“ vor. H. war vom Gericht als Verteidiger von Alex W.

in dessen Berufungsverfahren wegen Beleidigung bestellt worden. W. hatte seine Verurteilung zu einer Geldstrafe nicht akzeptieren wollen. Dazu war er vom Dresdner Amtsgericht verurteilt worden, weil er Marwa el-Sherbini auf einem Spielplatz als „Islamistin“ und „Terroristin“ beschimpft hatte, nachdem sie, die Kopftuch trug, ihn gebeten hatte, eine Schaukel für ihren kleinen Sohn frei zu geben.

H. machte in seiner Aussage auch diesen Sohn zum Thema. Die Eltern hatten ihn zum Gericht mitgenommen, weil er leicht fieberte und deshalb an diesem Tag seine Kita nicht besuchen sollte. Den dreijährigen Mustafa sah H. nach der Tat neben seiner Mutter gegen die Wand gelehnt: „Sein Beinchen war unter ihr eingeklemmt, er lag in ihrem Blut und musste miterleben, wie sie auf ihm liegend starb.“ Er, sagte H., habe das Kind, von dem das Blut der Mutter tropfte, vom Boden gehoben und in die Obhut einer Justizangestellten gegeben. Zuvor versorgte er den ebenfalls lebensgefährlich durch Stiche verletzten Ehemann von Marwa el-Sherbini. Um die Blutung im Oberschenkel zu stillen – ein zur Hilfe eilender Bundespolizist hatte irrtümlich auf ihn geschossen – legte er einen Druckverband an. Der Puls von Marwa el-Sherbini sei, als er ihn kontrollierte, schon so flach gewesen, dass er vermutet habe, selbst ein Notarztteam hätte sie nicht mehr retten können. H. hat eine Ausbildung als Rettungssanitäter aus seiner Zeit bei der Bundeswehr. Er hatte, während sein Mandant immer wieder auf sein Opfer einstach, mehrere Plastikstühle auf ihn geworfen und versucht, ihm mit einem Tisch den Weg abzuschneiden. Auch ihn anzuschreien, sagte H., habe keinen erkennbaren Eindruck gemacht. W. habe bei alledem keinen Laut von sich gegeben – „das war für mich gespenstisch“.

H. kämpfte während seiner Aussage mit den Tränen. Er wandte sich einmal direkt an den Witwer, Elwy Okaz, um ihm sein Beileid auszudrücken. Er habe ihn im Krankenhaus oder der Kur besuchen wollen, man habe ihm davon aber abgeraten, um die Genesung nicht zu gefährden. Marwa el-Sherbini schilderte er als „Musterzeugin“, die in ausgezeichnetem Deutsch sachlich ausgesagt habe. Sie habe, als sie aus dem Zeugenstand entlassen wurde, allen Prozessbeteiligten zugelächelt. Wenn der Täter dieses Lächeln dem psychiatrischen Gutachter gegenüber als „triumphierend“ bezeichnete, „dann hat er wohl etwas missverstanden“, sagte H. Auch Angst, dass W. für die Beleidigung ins Gefängnis müsse, könne er sich als Tatmotiv nicht vorstellen: „Eine Freiheitsstrafe stand nie im Raum.“

H.s Aussage hatte sich am Mittwoch um mehr als drei Stunden verzögert. Alex W. hatte sich, als er am Dienstag ins Gefängnis zurückgebracht wurde, heftig gewehrt und sich dabei anscheinend mehrere kleine Verletzungen zugezogen. Auch am Morgen war es zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit den Beamten gekommen, die ihn begleiteten.

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