Politik : Falsch verbunden

Ein Justizdossier zum Fall Friedman wurde öffentlich – dessen Anwalt hatte es irrtümlich an einen Pizzabäcker gefaxt

Katja Füchsel

Über ihren Anblick muss sich Chefredakteur Kai Diekmann beim „Bild“-Fest ganz besonders gefreut haben: Berlins Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) kam Dienstagabend ahnungslos zum Empfang. Wusste nicht, dass die „Bild“-Schlagzeile am nächsten Morgen sie in Schwierigkeiten bringen könnte: „Exklusiv!“, hieß es da in roten Lettern. Und: „Friedman-Akte auf merkwürdige Weise an die Öffentlichkeit gelangt.“

Diekmann ließ die Justizsenatorin erst einmal in aller Ruhe feiern, bevor er gegen 20 Uhr die schlechte Nachricht durchsickern ließ. Für Karin Schubert war dies das Ende der Party. Sie rief umgehend ihren Stab zur Krisenberatung zusammen: die Generalstaatsanwälte Dieter Neumann und Hansjürgen Karge sowie Staatssekretär Christoph Flügge.

Dem Bericht zufolge hatte eine gegen den TV-Moderator und Rechtsanwalt Michel Friedman ermittelnde Staatsanwältin in einem fünfseitigem Vermerk unter Angabe des Aktenzeichens die Ermittlungsergebnisse zusammengefasst. Nach den Aussagen der ukrainischen Prostituierten habe bei den Treffen im Hotel Kokain in größeren Mengen in einer Schale gestanden. Dabei soll es sich jeweils um zwei bis vier Gramm Kokain gehandelt haben.

Da die Ermittler von einem Reinheitsgehalt von 40 Prozent ausgehen, bedeute dies, dass Friedman 0,8 bis 1,6 Gramm reines Kokain bei sich gehabt habe – eine Menge, bei der Staatsanwälte sich schwer tun, ein Verfahren einzustellen. Kokainkonsum ist zwar nicht strafbar, dafür aber dessen Besitz. Solange die Droge jedoch nur für den Eigenverbrauch bestimmt ist, drücken die Ermittler häufig eine Auge zu.

Eine Prostituierte habe zudem ausgesagt, von Friedman angebotenes Kokain konsumiert zu haben. Damit hätte er die Droge nicht nur genommen, sondern in Verkehr gebracht. Ein Verzicht der Strafe, resümiert die Staatsanwältin, komme nicht in Betracht. Es werde ein Strafbefehl angestrebt.

Dem jüdischen Schriftsteller Rafael Seligmann war es schon vorher zu viel. „Friedman hat durch sein Verhalten unterstrichen, dass es ihm an Ernsthaftigkeit und Reife mangelt“, schreibt Seligmann im neuesten „Stern“. Er fordert den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland zum Rücktritt auf.

Die „Bild“ hat die Nachricht mit Bedacht gut verpackt. Sie schreibt nicht, von wem das Telefax versandt worden ist, erweckt aber den Eindruck, es sei die Staatsanwaltschaft gewesen. Auf Reaktionen musste Schubert deshalb nicht lange warten. Sollten die Vorwürfe zutreffen, habe die Senatorin viel zu erklären, meldete sich Volker Beck, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, zu Wort. Im Berliner Abgeordnetenhaus sprach die CDU von einem „justizpolitischen Skandal“.

Zu früh ereifert. Denn das verräterische Dossier kam nicht von der Justiz. Bald war der Schuldige gefunden: Friedmans Frankfurter Verteidiger Eckart Hild. Sein Büro habe das Fax versehentlich an eine falsche Adresse geschickt, teilte der Anwalt mit. Der unbefugte Empfänger – der „Bild“ zufolge war es ein Pizzabäcker – habe das Papier dann an Dritte weitergegeben. An wen das Fax gehen sollte? Wer es noch bekommen hat? Hild war am Mittwoch nicht zu erreichen.

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