Politik : Falsche Mannschaft, falscher Glaube

Nordirlands Fußball-Profi Neil Lennon erhält Morddrohungen: Der Katholik spielt im protestantisch geprägten Nationalteam

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Von Martin Alioth, Dublin

Die Serie nächtlicher Zusammenstöße in der nordirischen Hauptstadt Belfast reißt nicht ab. Am Mittwochabend blockierten protestantische Gewalttäter eine der wichtigsten Ausfallstraßen, anschließend kam es zu längeren Gefechten mit der Polizei. Die schwelende Gewalt bündelt sich an den Rändern der katholischen Enklave in diesem Stadtteil im Osten Belfasts, dem so genannten Short Strand. Seit Wochen werden Häuser an der Nahtstelle zwischen katholischen und protestantischen Wohngebieten gezielt ausgeräuchert und zerstört. Kontakte zwischen den Stadträten der rivalisierenden politischen Parteien scheinen nichts zu fruchten – die protestantischen Untergrundverbände entziehen sich zunehmend der politischen Kontrolle. Umgekehrt weigert sich Sinn Fein, der politische Flügel der IRA, verbissen, mit der reformierten Polizei zusammenzuarbeiten und schlägt unablässig neuartige kommunale Gremien vor, von denen die Polizei ausgeschlossen wäre. Die Spannungen in Belfast wurden noch zusätzlich angeheizt durch eine Todesdrohung gegen den Kapitän der nordirischen Fußballmannschaft, Neil Lennon. Ein Anrufer bei der nordirischen BBC behauptete, das protestantische Untergrundkommando LVF (Loyalist Volunteer Force) zu vertreten und verkündete eine Morddrohung gegen Lennon. Allerdings verwendete der Anrufer keines der Codewörter, die sonst bei ernst zu nehmenden Drohungen genannt werden.

Neil Lennon, ein Katholik aus der nordirischen Provinzstadt Lurgan, gehört zur schottischen Mannschaft Glasgow Celtic. Lurgan liegt unweit von Portadown, wo die protestantische Terrororganisation LVF operiert. Lennon beschloss nach Rücksprache mit seiner Familie, die Drohung ernst zu nehmen. Er verzichtete nicht nur am Mittwochabend auf die Teilnahme am Freundschaftsspiel gegen Zypern in Belfast. Am Donnerstag beendete er auch seine internationale Karriere.

Es ist allerdings ein offenes Geheimnis, dass der Fußball in Nordirland für politische Zwecke missbraucht wird. Die große Mehrheit der Anhänger der nordirischen Nationalmannschaft sind Protestanten. Zahlreiche nordirische Klubs tragen eindeutige Etiketten, und die beiden Mannschaften im schottischen Glasgow sind die populärste Projektionsfläche für die Polarisierung Nordirlands: Die Katholiken unterstützen den Club Celtic, die Protestanten bekennen sich dagegen zu den Glasgow Rangers. Glasgows Katholiken sind die Nachfahren irischer Einwanderer.

Der 40-fache nordirische Fußball-Nationalspieler Neil Lennon wurde schon vor anderthalb Jahren ausgebuht, als er in Belfast spielte. Umgekehrt wurde ein Rangers-Spieler in der irischen Hauptstadt Dublin beschimpft. Doch die Todesdrohung gegen Lennon – über deren Ernsthaftigkeit seither heftig spekuliert wird – bringt die Politisierung des Fußballs auf einen neuen Tiefstand. Der nordirische Fußballverband bemüht sich seit einiger Zeit, offene Kundgebungen von konfessionellem Fanatismus während der Spiele zu unterdrücken. Die andauernden Ausschreitungen in Belfast zeigen, dass dies in naher Zukunft allerdings kaum gelingen dürfte.

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