Falsche Prognosen : Unser Glück mit der Einwanderung

Jahrelang hieß es, dass Deutschland schrumpft - deshalb ging es mit den Renten runter und die Gesundheitsversorgung wurde gestrafft. Jetzt steigt die Bevölkerungszahl - auch weil qualifizierte EU-Bürger zu uns kommen. Das sollte uns freuen. Ein Kommentar.

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Rund 400 000 dauerhafte Zuwanderer wurden 2012 in Deutschland gezählt.
Rund 400 000 dauerhafte Zuwanderer wurden 2012 in Deutschland gezählt.Foto: dpa

Schrumpft Deutschlands Bevölkerung eigentlich weiter, wie vor etwa zehn Jahren prognostiziert? Das schien damals so unumstößlich wie die Zugspitze. Selbst die Politik schreckte hoch. Plötzlich bestimmten die vernachlässigten demographischen Gesetzmäßigkeiten die Schröder’sche Politik. Im Nu wurde der Sozialstaat umgebaut: Renten runter, Gesundheitsversorgung gestrafft, damit beides für mehr ältere Menschen bezahlbar bleibt. Um Anreize zu setzen für mehr Beschäftigung, Steuern und Sozialabgaben, gab es ab 2005 für arbeitsfähige Arbeitslose mageres Hartz IV statt lebenslanger höherer Arbeitslosenhilfe.

Doch Anfang 2014 dann die Mitteilung vom Statistischen Bundesamt, dass die Bevölkerungszahl zunahm. Innerhalb von zwölf Monaten von 80,5 Millionen Menschen auf 80,8 Millionen, trotz anhaltendem Sterbeüberschuss und nur geringem Geburtenanstieg. Statt stetiger Schrumpfung nun also leichtes Bevölkerungswachstum, und zwar schon seit 2011. Für 2014 wird gar eine Zunahme von 500000 Personen vorhergesagt. Das sind weder Kinder, noch Inder; noch enttäuschte deutsche Rückkehrer. Deren Wanderungssaldo ist weiter negativ.

Es sind in der Mehrzahl Arbeitssuchende aus Mittel- und Südeuropa: Unionsbürger mit verbriefter Freizügigkeit als Arbeitnehmer und Selbständige. Asylbewerber, die amtlich gemeldet sind, gehören auch in die Wanderungsstatistik. Da die meisten EU-Bürger hier Arbeit finden, füllen sie Sozial- und Steuerkassen. Wer jetzt denkt, das mag ja so sein, aber ich nehme lieber höheren Bevölkerungsschwund in Kauf als drohenden europäischen Sozialtourismus, der braucht Gewissheit statt seiner Angstvermutungen. Die sollte die Politik jetzt liefern, bevor Parteien wie die AfD Parolen prägen, wie sie gerade in Großbritannien die Runde machen – gegen die europäische Freizügigkeit: „Niemand bekommt etwas für nichts.“ Es gibt positive Zahlen, denn die meisten Jobsucher hier sind jung und ausgebildet. Deutschland bekommt derzeit viel für wenig. Das lässt sich nachweisen. Nicht von jedem, aber in der Summe.

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