Familie des Krieges : Die Geschichte einer Flucht aus Syrien

Tagesspiegel-Leser Andreas van Lepsius war wieder in Syrien. Er wollte seinem Freund Nasir und dessen Familie helfen, das umkämpfte Land zu verlassen.

Andreas van Lepsius
Der Verbleib in Syrien ist keine Option mehr, die Familie muss schnellstens aus dem Land raus.
Der Verbleib in Syrien ist keine Option mehr, die Familie muss schnellstens aus dem Land raus.Foto: dpa/ Stringer

Ich sitze zu Tisch mit Nasir, seiner Frau und seinen vier Kindern. So haben Sie, liebe Leser des Tagesspiegels, diese Familie kennengelernt, diese Worte haben den ersten Teil meines Berichtes eingeleitet. Mehrere Monate sind vergangen. Es ist Ende September und erneut sitzen wir zusammen. Diesmal ist es kein großer Tisch, sondern es sind zwei kleine, wir haben sie zusammengerückt, um Platz zu finden.

Es mag sein, dass ich nicht ganz unschuldig bin, vielleicht war ich der Auslöser. Mein Besuch und die vielen Gespräche, die sich um Zukunft drehten, um Möglichkeiten, Chancen und Gefahren, haben Unruhe gebracht. Einige Tage nach meiner Abreise jedenfalls nahmen die Spannungen in der sonst so harmonischen Familie zu. Es ging um Geld, um die strengen Regeln für die Kinder, um die ständige Angst und die häufigen Umzüge. All die inneren und äußeren Konflikte, traten nun, als sich unverhofft Möglichkeiten eröffneten, plötzlich zutage.

Die beiden erwachsenen Söhne vermissten Freunde, Arbeit und Abwechslung vom Alltag. Sie empfanden die Enge des Hauses und die lähmende Langeweile als Last. Sie sind beide Mitte Zwanzig und des Lebens beraubt, das sie eigentlich führen sollten. In einem friedlichen Syrien wären sie vielleicht schon verheiratet, hätten bereits eigene Familien.

Für die beiden inzwischen zwölf- und siebzehnjährigen Mädchen ist die Enge noch unerträglicher. In diesen Zeiten lässt der Vater sie nur selten vor die Tür, und auch dann nicht weit und niemals ohne Begleitung. Und natürlich machen auch sie sich Sorgen. Der Besuch der Schule ist ihnen verwehrt, was sehr schwer für sie ist. Die ältere Tochter ist jetzt in einem Alter, in dem in Syrien Ehen geschlossen und eigene Hausstände gegründet werden.

Im umkämpften Syrien ist ein Verbleib der Familie gleichbedeutend mit dem Verlust von positiven Zukunftsperspektiven.
Im umkämpften Syrien ist ein Verbleib der Familie gleichbedeutend mit dem Verlust von positiven Zukunftsperspektiven.Foto: dpa/ Stringer

Die Sorgen, die die Eltern nicht zur Ruhe kommen lassen, sind akuterer Natur: die Ersparnisse neigen sich dem Ende zu, jeden Tag werden die Reserven ein wenig kleiner. Noch reichten sie, um an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Als neues Risiko sind –zusätzliches Drangsal eines jeden Bürgerkrieges- Gruppen von Plünderern aufgetaucht, desertierte Kombattanten oder Soldaten. Die Familie wohnt in einem kleineren Dorf, leichte Beute für Marodeure.

Vor dem Hintergrund dieser Situation traf Nasir die wohl schwerste Entscheidung seines Lebens. Sie alle würden ihre Heimat verlassen und dabei vieles verlieren, vieles aufgeben müssen, mehr noch als bei all den Aufbrüchen zuvor. Der Krieg hat aus einer Familie mit hart erarbeitetem Wohlstand eine Flüchtlingsfamilie gemacht, kaum etwas ist geblieben aus den guten Zeiten.

Als mich die Mail erreichte und damit die Idee, dem Unheil durch Flucht zu entrinnen, zu einem realen Vorhaben wurde, fühlte ich mich beinahe erleichtert – trotz all der Gefahren und der Unwägbarkeiten, die damit verbunden sein mussten. Mein Angebot, bei diesem Unterfangen jede mir mögliche Hilfe zu leisten, wurde somit zu einer Verpflichtung. Trotzdem verhehle ich nicht, angesichts der Konkretisierung der Pläne für einen Augenblick auch ein wenig Angst vor der eigenen Courage verspürt zu haben.

Zuflucht in Deutschland?

Bereits Anfang des Jahres, nachdem sich in den Gesprächen mit Nasir erste Tendenzen in diese Richtung abgezeichnet hatten, Frau und Kinder waren zu dem Zeitpunkt noch nicht einbezogen, habe ich mit der grundsätzlichen Planung begonnen. Ich bin glücklich, Menschen in meinem Bekanntenkreis zu haben, auf die ich mich verlassen kann, von denen ich weiß, dass sie helfen, wenn Hilfe vonnöten ist. Einigen von ihnen, die mehr Fachwissen und wohl auch mehr Geduld im Umgang mit der Bürokratie besitzen, konnte ich den Kontakt zu den deutschen Behörden mit gutem Gewissen überlassen.

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Hoffnung verheißende Möglichkeiten, die sich anfänglich zu eröffnen schienen, wurden allerdings nach und nach durch bürokratische Schranken versperrt. Dies schloss eine Einreise nach Deutschland letztendlich aus. Auf die Nennung der Einzelheiten verzichte ich an dieser Stelle, sie sind nebensächlich. Ausschlaggebend war, dass die Bearbeitung des Vorganges für eine legale Einreise der Familie etwa 6 bis 14 (!) Monate in Anspruch genommen hätte, natürlich ohne jede wie auch immer geartete Garantie. Es wären Papiere zu besorgen gewesen. Papiere, die nur wer ausstellen könnte? Die syrischen Behörden! Nicht machbar in diesen Tagen und außerdem ein Wagnis, das einzugehen schlicht verrückt gewesen wäre.

Flucht oder Ausreise, vor allem von Männern im wehrhaften Alter, sind Dinge, die von der syrischen Obrigkeit und dem Geheimdienst nicht gerne gesehen sind. Und selbst wenn der Versuch wider Erwarten gelungen wäre, wäre die Familie mit hoher Wahrscheinlichkeit ohne die Devisen und die kleinen Goldstücke ausgereist, die Nasir als Grundlage für das Leben im Krieg oder den Neuanfang in einem anderen Land eisern gespart hatte.

Andere Optionen, die seitens der deutschen Behörden als vielleicht erfolgversprechender vorgeschlagen wurden, die Einreise von Vater und ältestem Sohn allein mit der Hoffnung auf späteren Familiennachzug oder ein Antrag auf Asyl, mit ungewissem Ausgang und Arbeitsverbot, kamen für Nasir nicht infrage. Er ist kein Mann, der sein Schicksal und das seiner Angehörigen gern in fremde Hände legt.

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