Politik : Familien als gefährlicher Ort

Die UN haben eine Studie über Gewalt gegen Kinder vorgelegt – Schläge sind fast nirgendwo verboten

Dagmar Dehmer

Berlin - Jede Woche sterben in Deutschland zwei Kinder an Misshandlungen oder wegen Vernachlässigung. In Großbritannien und Frankreich ist es genauso. Allein in den Industriestaaten sterben jedes Jahr 3500 Kinder an Misshandlungen oder Vernachlässigung. Weltweit wird die Zahl der Morde an Kindern und Jugendlichen für das Jahr 2002 auf 53 000 geschätzt. Das ist das Ergebnis der ersten Studie der Vereinten Nationen über Gewalt gegen Kinder weltweit.

Schon 2003 bekam der brasilianische Professor Paulo Sergio Pinheiro den Auftrag, die UN-Studie zu leiten. Am Dienstag stellte er die wichtigsten Ergebnisse in Berlin vor. Obwohl die Datenlage schlecht ist, ist Pinheiro überzeugt, dass Gewalt gegen Kinder nicht auf bestimmte Schichten begrenzt ist, sondern überall vorkommt. Vor allem in Familien. Der Geschäftsführer von Unicef-Deutschland, Dietrich Garlichs, sagte deshalb: „Die Familie ist der gefährlichste Ort für Kinder.“ Um dann seine Aussage sofort wieder zu relativieren: „Das gilt natürlich nicht in 99,9 Prozent der Fälle.“ In der Regel seien Familien der beste Ort für das sichere und gesunde Aufwachsen von Kindern. Garlichs bedauerte dennoch, dass die Familien noch immer als privater Ort verstanden würden, in die nicht eingegriffen werde. Doch wenn ein Kind in Gefahr sei, „muss eingegriffen und das Kind aus der Familie genommen werden“.

Doch selbst in Schulen, Heimen, Gefängnissen oder am Arbeitsplatz sind Kinder und Jugendliche Gewalt ausgesetzt – von anderen Kindern oder von Lehrern, Arbeitgebern, Betreuern, Wärtern. Mehr als eine Million Kinder saß 1999 im Gefängnis, stellte Marta Santos Pais fest, die das Unicef-Forschungszentrum „Innocenti“ in Florenz leitet. Viele dieser Kinder haben nichts verbrochen. Sie sind von zu Hause weggelaufen, haben etwas Unbedeutendes gestohlen oder gebettelt. In vielen Ländern reicht das, um Kinder einzusperren. Wie das aussehen kann, darauf machten die Tatort-Schauspieler Klaus J. Behrendt und Joe Bausch aufmerksam. Sie haben in Manila auf den Philippinen vier Kindergefängnisse besucht. Da werden 70 Kinder in eine Zelle gesperrt, sie können tagelang nur hocken, sie können nie alle gleichzeitig schlafen, weil dafür kein Platz ist und teilen sich ein Loch im Boden als Toilette. Behrendt beschrieb die Verhältnisse als „Hühnerhaltung“. Die beiden Schauspieler haben einen Verein gegründet, der Kindern in Gefängnissen helfen will: Tatort – Straßen der Welt.

Besonders erschütternd findet Marta Santos Pais, dass Gewalt noch nicht einmal in Schulen und in den Rechtssystemen vieler Länder geächtet ist. In 106 Staaten der Welt ist die Prügelstrafe in Schulen nicht ausdrücklich verboten, auch nicht in den USA. In 147 Staaten gibt es kein ausdrückliches Verbot von körperlichen Strafen in Heimen oder Gefängnissen. Nur in 16 Staaten der Welt gibt es bisher ein Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung, unter anderem in Deutschland seit dem Jahr 2000. Ob das Gesetz Wirkung zeigt, weiß aber auch Unicef-Geschäftsführer Garlichs nicht. Dafür gibt es eine Studie in Schweden, das 1979 als erstes Land der Welt Prügel verboten hat. 20 Jahre später hielten nur noch zehn Prozent der Bevölkerung es für in Ordnung, ein Kind zu schlagen, 1979 waren es noch 50 Prozent gewesen, berichtete Marta Santos Pais. Gleichzeitig seien Drogensucht, Alkoholmissbrauch und Jugendkriminalität in Schweden zurückgegangen, sagte sie.

Die vollständige Studie steht in englischer Sprache im Internet: www.unicef.de oder www.unviolencestudy.org. Informationen über den Verein Tatort – Straßen der Welt gibt es auf der Homepage:

www.tatort-verein.org.

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