Familien heute : Was ist ein guter Vater?

Die neuen Papas gehen in Elternzeit, zeigen mehr Gefühl und sind viel öfter zu Hause als früher. Die Frage ist, ob das stimmt. Eine Spurensuche bei Männern, Forschern, Philosophen und in Statistiken.

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Guter Vater, schlechter Vater. Mal schön stark, mal zu streng. Mal Held, mal Witzfigur. Mal tragisch, mal komisch. Väterkollegen gibt es viele, wir haben einige zur Ansicht rausgesucht. Die Unglaublichen. Eigentlich ist Vater Bob ein Superheld. Aber dem Familienoberhaupt aus "The Incredibles" wird das Supermanndasein verboten. Es folgt eine Krise, Minderwertigkeitsgefühle, die Ehe in Gefahr. Nur gemeinsam schaffen die fünf Unglaublichen die Super-Wende.
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Foto: Buena Vista/Cinetext
28.08.2011 16:54Guter Vater, schlechter Vater. Mal schön stark, mal zu streng. Mal Held, mal Witzfigur. Mal tragisch, mal komisch. Väterkollegen...

Ein Freund, den ich fragte, ob er ein guter Vater sei, antwortete: „Das weiß ich nicht. Ich weiß nicht, was ein guter Vater ist.“ Niemand zeige einem, wie Vatersein gehe. Ein Kollege erzählte, dass er viel mit seinem Kind spiele, aber ihm fiel auf: „Manchmal denke ich, ich spiele zu viel und bringe dem Kind zu wenig bei.“

Viele Männer, mit denen ich für diesen Artikel sprach und die anonym bleiben wollten, wussten eher zu sagen, wann sie schlechte oder überforderte Väter sind. Einer fühlte sich überfordert, „die richtige Balance zwischen Kumpel und Autorität zu finden, die Balance zwischen Ja und Nein“. Ein anderer Freund berichtete von seiner Einsamkeit während der Elternzeit. Da sei einfach niemand zum Reden gewesen. Er schob stundenlang den Kinderwagen, das Baby, sieben Monate, habe vor allem geschrieen. Der Mann, der im Beruf große Verantwortung trägt, fühlte sich oft „unsichtbar“, ihm fehlten „Anerkennung und Selbstbewusstsein“. Erst als er wieder arbeitete, empfand er sich als Mann und Vater „komplett trotz Doppelbelastung“.

Die Frage, was ein guter Vater ist und wie man ein guter Vater wird, ist zunächst eine private, intime Angelegenheit. Andererseits ist das Private heutzutage, wenn man sich die vielen Ratgeber für Familien oder die zahlreichen Veröffentlichungen über private Probleme anschaut, öffentlicher als je zuvor. Zumindest wird das Private, ob auf Facebook oder in Fernseh-Talkshows, gern öffentlich „behandelt“. Tatsächlich ist die Frage nach dem guten Vater aber eine zentral politische. Sie ist Teil notwendiger gesellschaftspolitischer Debatten: etwa über das Rollenverhältnis von Mann und Frau, Gleichberechtigung im Beruf oder Vereinbarkeit von Arbeit und Familie.

Nicht zuletzt geht es auch darum, am Vatersein ablesen zu können, wie viel Empathie eine Gesellschaft für Kinder braucht und wie viel schlechtes Gewissen und Mutlosigkeit sie verträgt.

Wenn man den guten Vater in der deutschen Gesellschaft sucht, braucht man nicht so genau in die Geschichte zu schauen. Dort wird man selten fündig. Stattdessen gibt es viele Kindergenerationen, die unter ihren Vätern gelitten haben oder die den Vater kaum kannten, weil er abwesend war, ja oft abwesend sein musste. Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Dieter Thomä, den wir hier als eine Art Vaterflüsterer noch kennenlernen werden, berichtet in seinem Buch „Vaterlosigkeit“ über diese Männer und die Theorien zahlreicher Philosophen von der „vaterlosen Gesellschaft“.

Friedrich Schiller lässt Karl, einen der Söhne in „Die Räuber“, sagen: „Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war.“ Friedrich Hebbel, selbst eine tragische Vaterfigur, schreibt vom „halben Vater“. Joseph Roth spricht vom Vater als „fremdem König“, einem Herrscher, der sich zu Hause nicht auskannte. Auch Franz Kafka oder Bernward Vesper rechnen in „Brief an den Vater“ und „Die Reise“ mit den Vätern ab. Vesper wirft dem Vater, dem alten Nazi, vor, dass er „unsere Kindheit zerstört, unser Gehirn verwüstet, unseren Charakter geschwächt, unsere Vernunft und Kritik erstickt … und zu diesem Zweck die heiligen Gefühle, die Kinder … haben …, missbraucht hat“.

Rio Reiser sang krachend: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist. Nee!“

Statistiken belegen: Väter verbringen nicht mehr Zeit mit ihren Kindern als früher. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Lesen Sie weiter auf Seite 2.

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