Politik : Familienministerin: Vier von fünf Kindern werden geschlagen

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Gewalt gegen Kinder gehört in vielen Familien in Deutschland zum Alltag. Darauf hat das Bundesfamilienministerium am Dienstag aus Anlass einer Fachtagung zu diesem Thema hingewiesen. Etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland erführen in unterschiedlichem Ausmaß Gewalt in der Erziehung, sei es durch Ohrfeigen oder eine Tracht Prügel. Rund 1,3 Millionen würden körperlich misshandelt. Darunter seien etwa 420 000 Kinder, die dies häufiger erlebt hätten, viele davon schon als Säugling oder Kleinkind. Dazu komme in etwa gleicher Größenordnung psychische Gewalt in Form von elterlicher Ablehnung oder Vernachlässigung.

Bei der Fachtagung "Gewaltfreies Erziehen in Familien - Schritte der Veränderung" sagte Familienministerin Christine Bergmann (SPD), Gewalt gegen Kinder habe immer vielschichtige Auswirkungen und bleibe nicht ohne Folgen für ihre Entwicklung. "Vor allem wissen wir heute, dass Kinder, die in der Familie Gewalt erfahren haben, später selbst eher zu Gewalttätigkeit neigen. Gewalt bringt wiederum Gewalt hervor." Um diesen Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, wolle die rot-grüne Koalition das Recht auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankern. "Wir wollen ein klares Signal setzen, dass Gewalt in der Erziehung nichts verloren hat", sagte die Familienministerin. Bergmann wies darauf hin, dass sich der entsprechende Gesetzentwurf im parlamentarischen Verfahren befindet.

Mit der Ächtung von Gewalt sollten jedoch keinesfalls die Eltern kriminalisiert werden, betonte die Ministerin. "Den Staatsanwalt im Kinderzimmer wird es nicht geben. Wir setzen auf Hilfe statt auf Strafe." Im Rahmen der Leistungen der Familienförderung würden deshalb flankierend die Hilfen für Eltern bei Erziehungsschwierigkeiten ausgeweitet. Mit einer Gesetzesänderung allein sei es noch nicht getan, sagte Bergmann. Darüber hinaus brauche man einen gesellschaftlichen Konsens über ein neues Leitbild von Erziehung, das auf Förderung, Fürsorge und Respekt ausgerichtet sei und in dem Gewalt, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen keinen Platz haben dürften.

Bergmann wies darauf hin, dass in der Gesellschaft unter Gewalt gegen Kinder zunächst die körperliche Misshandlung und der sexuelle Missbrauch verstanden würden. "In der Tat aber beginnt Gewalt viel früher: mit der bekannten Ohrfeige oder dem Klaps auf den Po." Diese Form von Gewalt in der Erziehung werde in der Gesellschaft mit Sprüchen wie "Das hat mir auch nicht geschadet" bagatellisiert, kritisierte die Ministerin. Das geplante Gesetz, das bis Mitte des Jahres verabschiedet werden soll, zielt auf eine Ächtung aller Formen von Gewaltanwendung in der Erziehung. Derzeit toleriert das Bürgerliche Gesetzbuch Gewalt bis zur Grenze der Körperverletzung. Körperliche Züchtigung wie etwa Ohrfeigen gelten als zulässige Erziehungsmaßnahmen.

Um den geforderten gesellschaftlichen Bewusstseinswandel zu erreichen, plant das Bundesfamilienministerium ein bundesweites Aktionsprogramm in Städten und Gemeinden. "Wir wollen mit den Bürgerinnen und Bürgern in einen breit angelegten Dialog über Erziehungsfragen eintreten", sagte Bergmann.

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