Familienpolitik : Bundesregierung will Kleinkinder besser schützen

80 bis 120 Kinder im Vorschulalter sterben pro Jahr an Misshandlungen durch die eigenen Eltern. Das will Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen jetzt mit besseren Frühwarnsystemen verhindern.

Von der Leyen
Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Frühe Hilfen für Eltern zahlen sich aus. -Foto: ddp

BerlinBundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) will mit besseren Frühwarnsystemen und gezielten Hilfen für Eltern die Misshandlung und Vernachlässigung von Kleinkindern verhindern. "Pro Jahr sterben 80 bis 120 Kinder im Vorschulalter durch die Hand ihrer Eltern oder andere enger Bezugspersonen", sagte von der Leyen am Montag in Berlin bei der Vorstellung eines Expertengutachtens zum Kinderschutz. "Besonders gefährdet sind die ganz kleinen Kinder."

So schreckliche Vorgänge wie die Fälle von Kevin in Bremen und Lea-Sophie in Schwerin hätten inzwischen aber dazu geführt, dass das Thema Kinderschutz "sehr viel präsenter" und sensibler wahrgenommen werde als bisher. Die Ministerin verwies darauf, dass die Jugendämter inzwischen vorsorglich immer mehr Kinder in ihre Obhut nehmen: 2007 stieg diese Zahl um 8,4 Prozent auf 28.200. Die Zahl der Fälle, in denen Eltern das Sorgerecht durch Familiengerichte entzogen wurde, erhöhte sich um knapp 13 Prozent auf 10.800.

Frühe Hilfen zahlen sich aus

Nach Einschätzung der Ministerin setzt erfolgreicher Kinderschutz am besten im Gesundheitswesen an. In die Geburtsklinik oder zur Hebamme kämen alle Eltern. Zu diesem Zeitpunkt sei auch bei Familien in schwierigen Lebenslagen die Bereitschaft groß, Hilfe anzunehmen. Wenn es gelinge, Eltern frühzeitig anzusprechen und in ein gut eingespieltes Hilfsnetz vor Ort aufzunehmen, sinke die Gefahr für das Kind deutlich. Von der Leyen sagte, frühe Hilfen für Eltern zahlten sich aus. Mit Prävention könnten die Kommunen "richtig Geld sparen".

Mit Blick auf die Analyse appellierte die Ministerin dafür, aus den tragischen Fällen von Kindesmisshandlungen der letzten Zeit zu lernen. Es gehe nicht darum, Einzelpersonen "an den Pranger zu stellen", sondern durch vernetztes Agieren aller Beteiligten dafür zu sorgen, "Fehlerketten" zu vermeiden, "damit die Katastrophe erst gar nicht ihren Lauf nimmt".

"Mehr-Augen-Prinzip"

Die Studie analysiert anhand der bekannt gewordenen Fälle von Kindesmisshandlung typische Fehler: So wurde mehrfach das "Mehr-Augen-Prinzip" in den Ämtern außer Acht gelassen oder nach Aktenlage entschieden. Mitarbeiter der Jugendämter recherchierten nicht selbst, sondern verließen sich auf Berichte aus zweiter Hand. Zuständige horteten "Geheimwissen" und Ärzte meldeten keine Auffälligkeiten, weil sie sich zu Unrecht an die Schweigepflicht gebunden fühlten.

Der Autor der Studie, Jörg Fegert, trat für eine systematische Fehleranalyse ein. Er ist der ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Ulm. In der Luft- und Raumfahrt sei die Aufarbeitung von Störfällen zur Eliminierung von Fehlerquellen selbstverständlich. Dies müsse auch für den Kinderschutz gelten. Wichtig sei, die "Lücken im System" aufzudecken und damit die Ursachen, "dass am Ende einer Kette ein Einzelner schuldhaft versagen konnte". (bai/dpa)

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