Familienreport 2009 : Eltern an die Arbeit

Ministerin Leyen fürchtet, dass die Krise ihre Politik verdrängt - und fordert Rücksicht auf Fachkräfte. Wie halten es die Deutschen aktuell mit dem Nachwuchs?

Cordula Eubel
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BerlinSeit 2007 werden in Deutschland erstmals seit zehn Jahren wieder mehr Kinder geboren. Familienministerin Ursula von der Leyen hofft, dass dieser Trend trotz der aktuellen Wirtschaftskrise anhalten wird. „Die aktuelle Krise wird langfristige demografische Trends nicht ändern“, sagte die CDU-Politikerin am Montag bei der Vorstellung des Familienreports 2009. Wie Deutschland wieder aus der Krise herauskomme, werde maßgeblich davon mitbestimmt, ob es in Zukunft genügend Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gebe. „Ohne Fachkräfte, die Beruf und Familie miteinander vereinbaren können, kann die Wirtschaft ein packen“, sagte von der Leyen. Die Ministerin warnte davor, in konjunkturell rauen Zeiten die Familienpolitik als Almosen zu betrachten.

Krisen und Katastrophen haben in der Geschichte meistens zu einem drastischen Einbruch der Geburtenraten geführt. So wurden nach dem Zusammenbruch der DDR in den ostdeutschen Ländern deutlich weniger Kinder als zuvor geboren, ebenso nach den Umwälzungen in Osteuropa. Wenn die Zukunftsaussichten ungewiss oder düster sind, entscheiden sich mehr Menschen gegen Kinder – ein Phänomen, das schon in der Weltwirtschaftskrise 1929 zu beobachten war.

Ob sich die aktuelle Krise in den Geburtenzahlen niederschlagen wird, ist jedoch nach Ansicht des Familienforschers Hans Bertram von der Humboldt-Universität ungewiss. „Ich hoffe, dass es nicht vergleichbar wird“, sagt Bertram. Die ökonomische Situation alleine, so berichtet der Sozialwissenschaftler, entscheide nicht darüber, ob Paare sich den Wunsch nach einem Kind erfüllen. So habe sich das Geburtenniveau in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung Mitte der 90er Jahre wieder dem westdeutschen Niveau angenähert, trotz der hohen Arbeitslosigkeit. Dagegen sei die Geburtenquote etwa in Tschechien auf dem niedrigen Stand von durchschnittlich einem Kind pro Frau verharrt. Bertram erklärt das auch mit dem Angebot an Kinderbetreuungsplätzen. Während in Ostdeutschland beharrlich an der flächendeckenden Kinderbetreuung aus DDR- Zeiten festgehalten wurde, sei diese in Tschechien privatisiert worden – und damit teurer und für viele unerschwinglich geworden. „Aufgrund der Wirtschaftskrise darf es in Deutschland nicht zu Kürzungen in der Infrastruktur kommen“, mahnt Familienforscher Bertram. Er hoffe, dass die Kommunen nicht vorrangig Geld für den Straßenbau statt für Kindergartenplätze ausgeben würden.

Dass die Deutschen seit 2007 wieder mehr Kinder bekommen, lässt sich nach Ansicht von Bertram auch auf das neu eingeführte Elterngeld zurückführen. So stieg die Zahl der Geburten zwischen 2006 und 2007 um knapp zwei Prozent auf 685 000, die Geburtenrate pro Frau stieg damit von 1,33 auf 1,37. Der Trend hat sich 2008 fortgesetzt: Im vergangenen Jahr wurden nach einer Prognose des Statistischen Bundesamts etwa 690 000 Kinder geboren. Vor allem Frauen zwischen 30 und 40 Jahren würden sich verstärkt für Kinder entscheiden, heißt es im Familienreport. Das sei „kein Grund zur Euphorie, aber zur Zuversicht“, kommentiert Familienministerin Ursula von der Leyen. Auch wenn die Zeiten in der Wirtschaftskrise rauer würden, so gäben in Befragungen drei Viertel der Menschen an, dass die Familie ihr wichtigster Halt sei.

Ob es wirklich einen demografischen Effekt durch steigende Geburtenzahlen gebe, werde man erst in 20 Jahren seriös beurteilen können, sagt der Wissenschaftler Bertram. Doch sollte sich – ähnlich wie es zuvor in Nordeuropa der Fall war – die Entwicklung fortsetzen, dass sich mehr Frauen über 30 Jahren für Kinder entscheiden, könne in Deutschland langfristig die durchschnittliche Geburtenquote um 0,2 Kinder pro Frau steigen.

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