Politik : Familientreffen in Korea: Wandel durch Annäherung (Kommentar)

cvm

Die Freudentränen, das fassungslose Staunen, dass ein Wiedersehen doch noch möglich geworden ist: Beim Anblick der Bilder aus Korea sind wohl vielen Berlinern die Augen feucht geworden. Denn was sich in diesen Tagen in Seoul und Pjöngjang abspielt, erinnert an bewegende Momente der Stadtgeschichte. Nicht gleich an 1989, das kam später. An 1963: So, genau so, begann die deutsch-deutsche Wiederannäherung 28 Monate nach dem Mauerbau - mit Verwandtentreffen, dank Passierscheinen. Im Vergleich zu Korea war das Schicksal den Deutschen einigermaßen gnädig: Die Geschwister, Eltern und Großeltern "drüben" lebten ja in der Regel noch, ihre Bilder hatte man lebendig vor Augen. In Korea mussten die Familien ein halbes Jahrhundert auf ein Wiedersehen warten. In Deutschland bekam die Entspannung bald ihre Eigendynamik. Wenige Jahre später, mit dem Grundlagenvertrag, wurde der Eiserne Vorhang ein wenig poröser - wenn auch nur für begrenzte Zeiträume und nicht für alle und im Prinzip nur in einer Richtung: von West nach Ost. Und dann dauerte es noch einmal 28 Jahre, bis die Mauer kein Hindernis mehr war - bis sie fiel. Korea ist noch ganz am Anfang dieses Prozesses. Und es ist keineswegs sicher, dass es den deutschen Weg überhaupt geht. Das Modell lässt sich nicht eins zu eins übertragen. Aber die Emotionen, die diese ersten Begegnungen zwischen Nord und Süd freisetzen, auch sie entwickeln ihre eigene Kraft, erzwingen Wandel durch Annäherung - wie damals in Berlin.

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