Politik : Fanatismus: Terror für die Unsterblichkeit

Christian Böhme

An mehreren Stellen in der Tokioter U-Bahn rangen in den frühen Morgenstunden des 20. März 1995 gleichzeitig einige Tausend Menschen nach Luft. Ihre Augen tränten, der Kopf schmerzte. Viele übergaben sich, wurden von Krämpfen geschüttelt. Blut tropfte aus den Nasen. Einigen stand Schaum vor dem Mund, bevor sie wenige Minuten später tot zusammenbrachen. Sie waren Opfer eines Terroranschlages mit dem Nervengas Sarin geworden.

Wie sich später herausstellte, hatten Anhänger des japanischen Gurus Shoko Asahara das Gift unbemerkt in die U-Bahn geschmuggelt. Mit den Spitzen ihrer Regenschirme zerstachen die Mitglieder der Sekte Aum Shinrikyo (Höchste Wahrheit) dann kleine, in Zeitungspapier eingewickelte Plastikbeutel, in denen sich das geruchlose Sarin befand. Sie wollten damit den Dritten Weltkrieg und die Apokalypse herbeiführen. Diese Mischung aus religiösem Fanatismus und krimineller Energie mussten zwölf Menschen mit ihrem Leben bezahlen, fast 5000 wurden verletzt. Ein Albtraum war Wirklichkeit geworden.

Menschen, die für ihren Glauben bereit sind, sich selbst oder gar andere zu töten, gibt es schon seit Jahrhunderten. Dennoch besaß der Anschlag in der japanischen Hauptstadt nach Überzeugung des amerikanischen Psychologen Robert Jay Lifton eine völlig neue Dimension. Bei diesem Attentat sei erstmals offenkundig geworden, welche Gefahr von Sektenterror ausgehen kann. "Shoko Asahara und seine Jünger hatten Zugang zu moderner Technik und Massenvernichtungswaffen. Und sie waren bereit, diese todbringenden Mittel einzusetzen. Mit dem Ziel, die Welt zu zerstören, um sie zu erlösen", sagt der New Yorker Professor im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Im Zentrum von Liftons Forschungen (sie sind in Buchform unter dem Titel "Terror für die Unsterblichkeit" im Hanser-Verlag erschienen) steht Shoko Asahara gewissermaßen als Prototyp für einen gewaltbereiten Guru. Mehrmals durch "Visionen erleuchtet", formte sich der 1955 geborene, fast blinde Aum-Chef aus spirituellen Elementen verschiedener Religionen, Kulten und Untergangstheorien (Yoga, Buddhismus, New-Age, Nostradamus, Millenniumshysterie) seine eigene Welt, die zum Untergang bestimmt war. Und er fand Anhänger, die bereit waren, ihm und seinen wahnwitzigen Lehren bedingungslos zu folgen. Zwischen 1995 und 1997 hat Lifton viele Interviews mit ehemaligen Aum-Mitgliedern geführt. Am meisten überraschte ihn, dass die Befragten den Tokioter Anschlag zwar verurteilten, aber dennoch den hünenhaften Asahara als "Führer" vermissten.

Nun könnte der Rest der Welt das Giftgasattentat der Aum-Jünger als die schlimme Verirrung einer fremden, fernen Kultur beruhigt zu den Akten legen, zumal der mordlüsterne Guru und seine Schergen ohnehin gefasst sind und sich vor Gericht verantworten müssen. Doch Lifton warnt vor allzu voreiligen Schlussfolgerungen. "In fast allen Ländern und ihren spirituellen Traditionen finden sich Ideen, die den Weltuntergangsszenarien von Shoko Asahara ähneln", sagt der 74-Jährige. Hinzu komme, dass nationale Grenzen für Endzeitfanatiker keine große Rolle mehr spielen: Massenvernichtungswaffen sind relativ leicht verfügbar, und ihre schreckliche Wirkung ist nicht auf bestimmte Orte eingeschränkt. Deshalb setzt sich Lifton auch dafür ein, dass das vorhandene Waffenarsenal reduziert und der Zugang dazu erschwert wird. Neben dem Krisenherd Nahost mit dem dort verbreiteten Fundamentalismus auf allen Seiten sieht Lifton im amerikanischen Sektenwesen eine große Gefahr. Besorgniserregend seien vor allem die Aktivitäten weißer, rechtsradikaler Rassisten. Charles Manson etwa hielt sich für Jesus Christus, der die Welt erlöste. Gemeinsam mit einigen Gefolgsleuten beging er mehrere Morde. Ihr prominentestes Opfer war die schwangere Sharon Tate, Roman Polanskis Frau. Sie wollten die "bürgerliche Welt" zerstören und Armaggeddon herbeiführen.

Noch verheerendere Folgen hatte das rechtsextremistische Gedankengut von Timothy McVeigh. Der Waffennarr jagte im April 1995 ein Bundesgebäude in Oklahoma City in die Luft. Es war der schlimmste Terrorakt in der amerikanischen Geschichte. 168 Menschen starben, weil McVeigh den Staat verdammte und sich selbst als "Revolutionär" für eine neue Weltordnung sah.

Einer bestimmten Sekte kann der einstige Elite-Soldat nicht zugeordnet werden. Lifton ist jedoch überzeugt davon, dass die gewaltbereiten Rechtsextremisten in den USA einiges eint. Wie Timothy McVeigh haben viele die so genannten Turner-Tagebücher zu ihrem Evangelium erhoben, eine neo-nazistische, rassistische Vision eines Weltvernichtungsprojekts. Im Mittelpunkt steht ein weißer "Held", der in einer Selbstmordaktion eine Atombombe über dem Pentagon abwirft. Einen Guru wie Shoko Asahara haben die amerikanischen Rechten bisher nicht, aber ein Vorbild: Adolf Hitler.

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