Politik : Fass!

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Liebe Studentinnen, liebe Studenten, in unserer Vorlesungsreihe „Fauna und Flora hinter den Linden“ will ich Ihnen heute eine besonders auffällige Gattung vorstellen: den Krawalldackel (Canis brevibus cruribus clamorfaciens). Es handelt sich dabei – sei still, Waldi! – um eine sehr anpassungsfähige und daher in allen Fraktionen verbreitete Art. Freilich sagen dem Tier die Umweltbedingungen im freidemokratischen Milieu offenkundig besonders zu, weshalb es sich dort über die Jahre hinweg so stark vermehrt hat, dass man die Stimme des Liberalismus vor Krach zeitweise nicht mehr hat vernehmen können. Normalerweise ist der Krawalldackel aber ein eher unauffälliger Einzelgänger. Er wuselt inmitten des Rudels – Waldi! Platz! – von Sitzung zu Sitzung, geht brav seinen Ausschuss-Pflichten nach und fällt auch sonst meist nicht durch übermäßige Leistungen in seinem Fachgebiet auf. Von den anderen großen und kleinen Tieren im Reichstagsbiotop unterscheidet ihn indessen seine leichte Reizbarkeit. Man muss ihn – Waldi! Bei Fuß! – einfach nur anrufen und ihm einen Satz etwa der Art vorwerfen: „Sagen Sie mal, Herr X., was sagen Sie eigentlich zur neuen Hundesteuer?“ – sofort bricht er in ein lautstarkes Gekläffe aus. Das mit der Hundesteuer ist nur ein Beispiel. Was ein echter Krawalldackel ist, dem ist jeder Anlass recht, sich zu ereifern. Vom Aussterben ist die Gattung nicht bedroht, weil wir hier hinter den Linden eifrig an seiner Aufzucht und Pflege beteiligt sind. Denn der Krawalldackel ist ein nützliches Tier. Wenn wir mal eine richtig knackige Schlagzeile brauchen, dann müssen wir ihn nur von der Leine lassen und das Gebell notieren. Also, Waldi: Fass!

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