Politik : Fast vergessen

Bei Filbingers Empfang bleibt die Vergangenheit draußen

Reiner Ruf[Stuttgart]

Noch einmal im Leben des Ministerpräsidenten a. D. Hans Karl Filbinger rennen die Fotografen, hetzen die Kameraleute, fahren dunkle Limousinen in reicher Zahl vor, diesmal im Hof des prächtigen Schlosses zu Ludwigsburg. Jener Stadt, in der Filbinger einst Charles de Gaulle empfangen hatte und am Dienstagabend der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) seinem Vorvorgänger einen Empfang zum 90. Geburtstag ausrichtete. Noch einmal tun sich die beiden Welten auf, in die Filbingers Leben zerfällt: im Schloss der Glanz des erfolgreichen Länderchefs, bei der Protest-Demo auf der Straße der Schatten des ehemaligen NS-Militärrichters.

Eine „Frage des Stils“ nennt es Filbingers direkter Nachfolger Lothar Späth, dass „man der Einladung Folge leistet“ – ungeachtet der Proteste, auch dem der Schwestern des 1945 von Filbinger zum Tod verurteilten Matrosen Walter Gröger. Anders als die Opposition sind fast alle CDU-Minister erschienen, dazu Volker Kauder, Angela Merkels rechte Hand in der Bundestagsfraktion.

Ebenso reiht sich Stuttgarts Alt-OB Manfred Rommel ins Geburtstags-Defilee ein. „Filbinger ist ein anständiger Mensch, ein Demokrat“, sagt Rommel, schickt aber diesem Lob leise noch etwas Relativierendes hinterher. Auch Allensbach-Chefin Elisabeth Noelle-Neumann findet sich ein. Ihr dankt der Jubilar überschwänglich, habe sie doch so treffend die Mechanismen des „Medienprangers“ beschrieben, an den sich Filbinger dauerhaft gekettet sieht. Laudator Teufel beschränkt sich auf den Hinweis, es habe auch „Brüche und Verletzungen“ in Filbingers Leben gegeben, der „darob nie wehleidig oder zum Zyniker“ geworden sei. Der Geehrte lässt die Vergangenheit ganz beiseite und verschreibt sich, eloquent wie stets, Gegenwart und Zukunft: „Wie bewahren wir die westliche Welt? Nur dadurch, dass wir das Christentum stärker machen und nicht einem verflachenden säkularistischen Zeitgeist anheim geben.“

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