Politik : FDP-Führungsdebatte: Die Zeichen bei den Liberalen stehen auf Sturm

Jürgen Zurheide/Robert Birnbaum

Die Hauptperson ist unerreichbar für drei Wochen im Urlaub in Florida, und das ist so ungefähr das Klügste, was Guido Westerwelle im Moment tun kann. Denn der FDP-Generalsekretär hat einen Fehler gemacht. Und in diesem Fehler bohren jetzt andere herum. Seit Westerwelle vor einer Woche im nordrhein-westfälischen FDP-Landesvorstand einen Satz gesagt hat, der nur als Ankündigung verstanden werden konnte, dass er demnächst seine Kandidatur zum Bundesparteichef ankündigen wird, wird das Rumoren in der Partei täglich lauter. "Ich weiß, was ich will, ich weiß, wann ich es will", lautet das kolportierte Zitat. Am Wochenende hat der Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff von dem Generalsekretär verlangt, mit offenen Karten zu spielen. Am Montag folgte der Parteivize Wolfgang Döring aus Baden-Württemberg: Wenn Westerwelle antreten wolle, dann müsse darüber zum Dreikönigstreffen am 6. Januar in Stuttgart Klarheit herrschen.

"Es ist untragbar für uns, dass wir mit einer Hängepartie in den Wahlkampf gehen", schimpfte Döring. Im März wird in Baden-Württemberg gewählt. Es herrsche in der Partei Unruhe, die Situation sei "sehr demotivierend" für viele. Außerdem wäre es für den Parteichef Wolfgang Gerhardt eine "völlig unmögliche Situation", drei oder vier Monate lang mit einem Generalsekretär zu arbeiten, der dann am Ende gegen ihn antrete.

So weit zum offiziellen Teil. Inoffiziell stellt sich die Lage auch für FDP-Insider ein wenig unübersichtlich dar. Dörings Protest wird in Berlin auf das Konto "Sorgen eines Wahlkämpfers" verbucht. Dass Lambsdorff über Westerwelles Taktieren moralisch entrüstet sei und er daher einen "Ordnungsruf" ausgestoßen habe, sagen zwar viele, glaubt aber im Ernst keiner: Ausgerechnet Lambsdorff, der Großmeister des taktischen Worts? Richtiger liegen dürfte denn auch Stefan Grüll, Stellvertreter Jürgen Möllemanns im NRW-Landesvorstand: "Der ist ja wohl kein Bauchredner", freute sich Grüll, der Westerwelle schon vor einer Woche zur Kandidatur aufgerufen hat, über die unverhoffte Hilfe.

Westerwelle muss das Gedrängel höchst ungelegen kommen. Der FDP-General ist ja durchaus nicht abgeneigt, beim Parteitag im Mai von Gerhardt die Führung zu übernehmen. Aber er hat wenig Interesse an einer Kampfkandidatur, noch weniger Interesse an einer, die sich über Monate hinzieht und ihn wohl dazu zwingen würde, sein Generalsekretärsamt mindestens ruhen zu lassen.

Andererseits ist Gerhardt offenbar wild entschlossen, zu verhindern, dass Möllemann via Absprache mit Westerwelle sich zum FDP-"Kanzlerkandidaten" ausrufen läßt. Denn Gerhardt fürchtet, dass Möllemann die Berliner FDP-Zentrale ausschalten und seinen Wahlkampf führen würde - was die Traditionswählerschaft der Liberalen womöglich eher verschreckt. Seit den FDP-Chef dieses Thema umtreibt, sinken die Chancen auf jene friedliche Machtübergabe, die sowohl Westerwelle als auch Gerhardt eigentlich im Auge gehabt haben. "Wir brauchen ein Führungs-Team mit den Dreien", sagt Grüll. Aber mindestens einer der drei will das nicht. So stehen die Zeichen eher auf Sturm.

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