• FDP-Parteitag: Ein Tribunal für Gerhardt? Der Parteichef wurde zuletzt heftig kritisiert - dabei gewinnen die Liberalen in Umfragen

Politik : FDP-Parteitag: Ein Tribunal für Gerhardt? Der Parteichef wurde zuletzt heftig kritisiert - dabei gewinnen die Liberalen in Umfragen

Stephan-Andreas Casdorff

Ob aus Nürnberg wohl Gera wird? Das ist deshalb eine interessante Frage, weil sich die Liberalen Freitag und Samstag in Nürnberg zu ihrem Bundesparteitag treffen, und manches an die Zeit vor Wolfgang Gerhardt erinnert. Und in diese Zeit Mitte der neunziger Jahre fällt der Parteitag von Gera.

Der Name der Stadt steht in der FDP für einen Aufstand, der damals um ein Haar zur spontanen Abwahl ihres Vorsitzenden Kinkel geführt hätte. Es gab enorm viel Kritik an Kinkel, und einer der Kritiker hielt seine beste Rede: Wolfgang Gerhardt. Wenn der seinerzeit gewollt hätte, wenn er das eindeutige Signal gegeben hätte . . Es war knapp für Kinkel. Wie knapp, zeigte sich daran: Als der Vorsitzende aufstand, einen Augenblick aus dem Saal ging, da dachten alle, jetzt gibt er auf. So war das.

Ähnlich ist es jetzt. Es wird viel am Vorsitzenden Gerhardt kritisiert - und nun ist in Nürnberg eine Rede von Jürgen Möllemann zu erwarten. Der ist zwar schon mal bei einer Abstimmung um den Bundesvorsitz gegen Gerhardt unterlegen, aber inzwischen der große Wahlsieger von NRW. Möllemann hat soeben das "Projekt 18" ausgerufen: 18 Prozent bei Wahlen bundesweit. Die jüngste, forsche Forsa-Umfrage sagt, dass das Wählerpotenzial der FDP sogar bei 32 Prozent liege! Dermaßen gestärkt wird Möllemann vor die Delegierten ziehen, und die werden ihn mit seiner Botschaft sicher gerne hören. Womöglich lieber als Gerhardt, der außerdem als Erster reden muss. Aber, wie war das noch in Gera? "Ich glaube", sagt der Vorsitzende heute, "ich kann auch ganz gut reden."

Gerhardts Rede steht unter dem Motto: "Freiheit ist wählbar." Die seines Vize im Parteivorsitz Rainer Brüderle trägt den Arbeitstitel: "Konkurrenz belebt das Geschäft." Generalsekretär Guido Westerwelle, der am Samstag reden wird, hat seine Losung dem großen Willy Brandt entlehnt: "Mehr Demokratie wagen." Und der Leitantrag zur Sozialpolitik heißt: "Faire Chancen für alle!" Das alles klingt in Anbetracht der Lage ziemlich doppeldeutig.

Der andere Vize, Walter Döring, wird übrigens die "Schlussrede" halten. Auch das passt: Da hat einer aus dem Stammland der Liberalen das letzte Wort, der sich selbst gut vorstellen könnte, Bundesvorsitzender der FDP zu sein.

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