Politik : Fegen für die Schule

Kleinverdiener Robert Gachoki spart, damit seine Kinder lernen

Christoph Link[Nairobi]

Morgens stehen sie am Rande der vierspurigen Stadtautobahnen von Nairobi und fegen mit Besen den Staub und Dreck zusammen: die „Sweeper" , die Straßenfeger der Stadtverwaltung Nairobis. Einer von ihnen ist der Familienvater Robert Gachoki. Er ist ein Beispiel dafür, wie Kenianer trotz tiefer Armut ihre Würde behalten.

Schon Gachokis Vater war Straßenfeger in Nairobi, und sein Salär hat ausgereicht, um dem Sohn eine Schulausbildung zu finanzieren. Der 46-jährige Gachoki spricht und schreibt fließend Englisch, bei der Stadt hat er es zum Vorarbeiter einer achtköpfigen Truppe von Straßenfegern gebracht. Mehr Geld als sie bekommt er aber nicht. „Bildung, Bildung!", das sei das Allerwichtigste, sagt der Arbeiter. Sein gesamtes Einkommen hat Gachoki in die Schulgebühren für seine vier Kinder gesteckt – eine Tochter geht noch auf die Oberschule, die drei anderen – im Alter von 19 bis 25 Jahren – sitzen mit dem Abitur in der Tasche in Gachokis Heimatdorf am Fuß des Mount Kenia herum. Alle drei sind arbeitslos.

„Mir fehlt das Geld, um ihnen das College zu bezahlen", sagt Gachoki. Die Geschichte des Familienvaters ist ein typisches Beispiel dafür, wie schwer es für die meisten Kenianer ist, der Armut zu entkommen. Auf Gachokis Gehaltsstreifen stehen theoretisch 5221 Kenianische Schilling, umgerechnet 66,39 Euro im Monat. Nach den allgemeinen Kriterien der Weltbank liegt Gachoki damit noch über der Armutsgrenze, die bei einem Dollar pro Tag liegt. Vom Lohn aber zieht die Genossenschaftsbank Nasico 2500 Schillinge ab, da Gachoki dort einmal Kredite für Schulgeld aufgenommen hatte. Es bleiben also monatlich 1000 Schilling übrig – für die Zimmermiete im Armeleuteviertel Shaomauri, 500 für Essen, 700 für die Familie auf dem Dorf und ein Rest von 521 Schillingen für „häusliche Zwecke" – das entspricht einem Betrag von 6,62 Euro. Von dieser Summe muss sich Gachoki für Medizin und den Bustransfer nach Hause etwas zur Seite legen. Ein süßer Tee am Morgen am Kiosk für fünf Schillinge oder ein Pfannkuchen für zehn Schillinge, das ist der Luxus, den sich Gachoki ab und zu leistet. Ansonsten isst er jeden Abend die kenianische Billigmahlzeit: Maisbrei und den afrikanischen Grünkohl Sukumawiki. Die größten Ausgaben sind Petroleum für die Lampe und Batterien fürs Radio.

Rein theoretisch könnte er mit seinem Gehalt klarkommen, sagt Gachoki, wenn die Stadt Nairobi pünktlich zahlen würde. Doch Ende Dezember warten die städtischen Angestellten noch immer auf ihren Lohn von Oktober und November. Die Stadt ist ständig im Zahlungsverzug. Tausende sind in einer verzweifelten Lage. Nicht wenige weibliche Angestellte arbeiten nebenher als Protituierte, andere verkaufen nachmittags Gemüse auf der Straße, Männer driften ab in die Kriminalität.

Wie viele seiner Kollegen hat Gachoki bei einem Geldverleiher einen Kredit aufgenommen – für die 2000 Schilling zahlt er jeden Monat 30 Prozent Zinsen. Wenn sein Gehalt kommt, bekommt meist auch der Geldverleiher Wind davon und wartet am Eingang der Bank, bei der Gachoki ein Konto hat. „Nach drei Monaten wirst du bezahlt, aber bis dahin hast du neue Probleme", sagt Gachoki.

Einmal schon wollte er seinen Job quittieren, doch sein Chef überredete ihn zu bleiben. Gachokis Hof in der Provinz ist zu klein, um die Familie zu ernähren, die einzige Kuh wurde verkauft, um Schulgebühren zu bezahlen. Vor sieben Jahre hatte sich Gachoki zu den „Wiedergeborenen" bekannt, seither sieht er im religiösen Glauben seinen Halt. Er trinkt und raucht nicht, und im Job machen seine Kollegen manchmal Witze über ihn: Angesichts seiner Lage zweifeln sie daran, dass er von „Jesus gerettet" worden sei. Und dennoch: „Ich mag Nairobi, weil ich hier Arbeit habe", sagt Gachoki. Die Straßenfeger arbeiten sechs Tage in der Woche, am Sonntag geht der Christ morgens zur Kirche, nachmittags übt er sich ein bisschen als Laienprediger.

„Mit und ohne Probleme", lehrt Gachoki, „du musst immer stark sein und weitermachen mit deinem Leben." Die schlechten Zeiten, glaubt er, seien nur dazu da, um in Versuchung geführt zu werden. „Du solltest nie die Hoffnung verlieren!"

Einmal hat er sich einen ungeheuren Luxus geleistet. Es war im Jahr 2000 – die Stadt hatte nach vier Monaten des Wartens ihren Angestellten vier Gehälter auf einen Schlag überwiesen. Viele Kollegen Gachokis betranken sich tagelang bis zur Besinnungslosigkeit. Er selbst kaufte sich eine Sofa-Garnitur für 17 000 Schillinge, die er mit einem Linienbus nach Hause karren ließ. Jetzt, zum Jahresende, ist Gachoki aufs Dorf gefahren, um seine Familie zu sehen und auf dem guten Stück zu sitzen. Als Geschenke hat er ein Kilo Fleisch, Speiseöl und Weizenmehl mitgebracht. Dieses Mehl kostet zwar doppelt so viel wie Maismehl, es ist aber bei Kenianern besonders als Basis für Pfannkuchen beliebt – und die machen ein Fest eigentlich erst richtig schön.

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