Politik : Fehler im System

Von Ursula Weidenfeld

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Siemens wird von einem Korruptionsskandal erschüttert. Die Deutsche Telekom trennt sich von ihrem Chef, nach gerade einmal vier Jahren. In Wolfsburg wird Volkswagen-Boss Bernd Pischetsrieder nach kurzer Zeit aus dem Amt gemobbt. Der Vorwurf im ersten Fall lautet Bestechung. Die Anklage bei der Telekom heißt „keine Ideen“. Das Urteil bei Volkswagen war „zu wenig Energie auf dem Sanierungskurs“. Die Ursache von allem: Wer nicht schnell Leistung liefert, wird gefeuert.

Die meisten deutschen Unternehmen verdienen glänzend, sie exportieren in ständig neuen Rekordzahlen und sorgen so für ein Wirtschaftswachstum, wie es seit dem Jahr 2000 nicht mehr vorkam in Deutschland. Es ist die Krise derer, die nicht mitkommen, die den Skandal macht. Bei Siemens glaubten Mitarbeiter offenbar, nicht mehr ins Geschäft zu kommen, wenn sie nicht bestechen. Wahrscheinlich hatten sie mit der Analyse sogar recht. Es ist kein Wunder, dass es diesmal ausgerechnet die inzwischen zerschlagene Kommunikationssparte war, bei der es zu Unregelmäßigkeiten kam. Jetzt will Siemens den Mitarbeitern mit einem externen Ombudsmann wenigstens eine neutrale Telefonnummer zur Verfügung stellen, bei der sie ihren Hinweis anonym loswerden können.

Das ist vernünftig. Aber es reicht nicht aus. Die Frage ist, wie sich die Maßstäbe so verschieben können. Warum Mitarbeiter denken, im besten Interesse der eigenen Firma zu handeln, wenn sie potenzielle Auftraggeber mit Geld- oder Sachleistungen günstig stimmen. Die Manager stecken das Geld ja meist nicht in die eigene Tasche. Sie glauben, dass sich ohne Bestechung in manchen Regionen und manchen Branchen keine Geschäfte machen lassen. Und sie lernen, dass die Grenzen fließend sind. Eine üppige Einladung beanstandet niemand, eine Reise ist schon mal begründungsbedürftig, Barleistungen gelten immer als Korruption. Offenbar ist es so – und da ist der Skandal über die Betriebsrats-Bestechung bei Volkswagen ein Lehrstück –, dass es in Abteilungen, in denen bestochen wird, am Ende kein Gefühl mehr dafür gibt, was anständig ist und was nicht.

Das ist nicht nur ein Problem der Abteilungen. Es ist ein Problem des ganzen Unternehmens. In fast allen transnationalen Unternehmen bekommen die Spartengeschäftsführer im Ausland klare und ehrgeizige Renditevorgaben. Sie wissen, dass sie einen bestimmten Umsatz und einen Gewinn erreichen müssen, um weiterzukommen. Hunderte von ambitionierten 35- bis 45-Jährigen sitzen in Russland, Indien, China oder Malaysia. Ihr Mantra ist: Nur wenn ich die Zahlen bringe, werde ich Vorstand. Unter diesem Druck zu arbeiten, kann gut gehen, es gibt genug Beispiele dafür. Aber wenn die Konjunktur nachlässt, wenn das Unternehmen keine Top-Qualität liefert, oder wenn Wettbewerber mit anderen Methoden arbeiten – dann wird es unmöglich, die Vorgaben zu erfüllen. Dann ist es eine Frage der Unternehmenskultur und der Führung, die Mitarbeiter mit ihrem Dilemma nicht alleine zu lassen.

Daran scheint es bei Siemens gefehlt zu haben, und nicht nur dort. Nahezu alle globalen Unternehmen haben Probleme mit der internen Revision. Meist werden die Probleme erst in dem Moment offenbar, in dem das Wachstum nachlässt. Dass die Firmen dann meist zu spät reagieren, hat damit zu tun, dass auch sie Gefangene sind. Sie haben ihren Aktionären ja auch Ergebnisse versprochen – oft genug sind das inzwischen ungeduldige Hedge Fonds oder Private-Equity-Investoren, die ihrerseits unter einem noch mörderischeren Druck stehen. Wenn die Resultate nicht stimmen, geht es auch ihnen wie Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke oder Bernd Pischetsrieder von Volkswagen. Sie müssen gehen.

Aus diesem Teufelskreis gibt es nur einen Ausweg. Die Unternehmen müssen besser werden – und sie müssen die Kraft aufbringen, auf jenes Geschäft zu verzichten, das nur unsauber zustande kommen kann. Wer übrigens glaubt, dass Anstand nicht an der Börse gehandelt wird, irrt. Unternehmen wie Nokia beweisen das Gegenteil. Sie unterwerfen sich strengsten Transparenzkriterien – und sind trotzdem hochprofitabel.

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