Feldberichte : Schattenkrieg des Irans im Irak

Die Wikileaks-Dokumente: Die US-Medien legten ihr Augenmerk hauptsächlich auf die neuen Beweise für die iranische Rolle im Irak.

Astrid Frefel[Kairo]
Vorwürfe gegen US-Truppen im Irak: Gefangene – hier ein Bild aus Tikrit – wurden an irakische Sicherheitskräfte übergeben, obwohl die US-Armee von Folter und Misshandlungen in irakischen Gefängnissen wusste. Foto: dpa
Vorwürfe gegen US-Truppen im Irak: Gefangene – hier ein Bild aus Tikrit – wurden an irakische Sicherheitskräfte übergeben, obwohl...Foto: dpa

„Wir sind schockiert über den Grad von Respektlosigkeit der Amerikaner für die Iraker und die vielen Tricks, die sie angewendet haben, um sich aus der Verantwortung zu stehlen“, erklärt Ismael Zayer, Chefredakteur der unabhängigen, irakischen Tageszeitung al-Sabah al-Jadid. „Aber hauptsächlich sind die Dokumente von Wikileaks ein Beweis für das, was wir schon wussten. Auf die aktuelle politische Lage und die Regierungsbildung werden sie kaum einen Einfluss haben“, sagt Zayer voraus.

Ungefilterte Rohdaten

Die bisher geheimen Dokumente aus dem Pentagon hat Wikileaks der Öffentlichkeit über mehrere große amerikanische und europäische Zeitungen, aber auch den arabischen Sender Al-Dschasira zugänglich gemacht. Bei den knapp 400 000 Seiten handelt es sich um Rohdaten, die nicht von Geheimdiensten einer Wertung unterzogen wurden. In einer Pressekonferenz am Samstag in London erklärte Wikileaks-Gründer Julian Assange, mit der Veröffentlichung solle die Wahrheit enthüllt werden. Er machte aber auch darauf aufmerksam, dass es sich nur um einen kleinen Ausschnitt handle, da etwa die Aktionen der US-Spezialeinheiten oder des CIA nicht erfasst seien. Auch die irakische Armee ist nur dort erwähnt, wo sie mit der amerikanischen zusammenarbeitet. Die Dokumente geben den amerikanischen Blickwinkel wieder. Viele Berichte beruhen auf Aussagen von amerikanischen Soldaten, die ihre Sicht der Dinge dargestellt haben. Darunter könnten auch Lügen sein, um sich nicht selbst zu belasten, gab Assange zu bedenken.

Wikileaks und Julian Assange
"Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren den Vorwürfen sexueller Übergriffe zu stellen?Weitere Bilder anzeigen
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16.08.2012 14:48"Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren...

Mehrheit der Opfer sind Zivilisten

In den Dokumenten finden sich Details zu über 109 000 Toten, die nach dem Sturz der Saddam-Diktatur im Frühjahr 2003 ums Leben kamen. Diese Zahl ist um rund 15 000 höher als bisher von den Amerikanern bestätigt. Die große Mehrheit, nämlich über 66 000, waren Zivilisten. Es werden viele neue Fälle aufgedeckt, bei denen US-Soldaten Zivilisten an Checkpoints, aus Hubschraubern und bei Luftangriffen getötet haben.

Die Iraker selbst haben von diesen Zahlen sowieso nie viel gehalten. Einmal gibt es Schätzungen aus mehreren Quellen, die große Unterschiede aufweisen und weil in den letzten Jahren fast jeder Iraker persönliche Erfahrungen mit tragischen Todesfällen im Familien- oder Bekanntenkreis gemacht hat, ist die subjektive Einschätzung meist ohnehin eine andere.

Schlechte Noten für den Premier

Nach den Bildern von Misshandlungen und sexuellen Belästigungen irakischer Gefangener im Gefängnis von Abu Ghraib, die 2004 weltweit Empörung auslösten, kommen nun auch systematische Folterungen in den von Irakern geführten Gefängnissen an den Tag (siehe Kasten). Die Belege werfen ein schlechtes Licht auf die Regierung des bisherigen Premiers Nouri al-Maliki. Für die irakische Bevölkerung sind diese Fakten keine große Überraschung. Gewalt und Brutalität waren seit den Tagen der Diktatur ein bekanntes Phänomen und Enthüllungen über Sondergefängnisse des irakischen Innenministeriums haben erst in den letzten Monaten zum Handeln gezwungen.

Irans Krieg im Krieg

Die US-Medien legten ihr Augenmerk hauptsächlich auf die neuen Beweise für die iranische Rolle im Irak. Sie enthalten weitere Details zu Waffenschmuggel, Ausrüstung und Training schiitischer Organisationen, vor allem der Mehdi-Armee des jungen Klerikers Moqtada al-Sadr und der Badr-Milizen. Es werden sogar Namen von iranischen Geheimdienstoffizieren genannt, die im Irak aktiv waren und Militäroperationen gegen US-Truppen geschildert. Die geheimen Papiere lassen das Bild eines Schattenkrieges zwischen den US-Truppen und den iranischen Revolutionsgarden erkennen, der auch nach der Amtsübernahme von US-Präsident Barack Obama weiter gegangen ist. Dabei war die Rolle des Iran sowohl militärisch als auch politisch.

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