Fernsehauftritt : Obama schimpft bei Jay Leno auf gierige Manager

US-Präsident Barack Obama war zu Gast bei Jay Leno, einem der erfolgreichsten US-Talkmaster. Hier erklärte er dem amerikanischen Volk, warum er den Versicherer AIG retten musste - und las den gierigen Managern die Leviten.

Martin Klingst
Obama Leno
US-Präsident Obama erklärt Jay Leno und dem amerikanischen Volk die Situation.Foto: AFP

Barack Obama lachte, scherzte und mahnte. Er freute sich, dass der Bandgitarrist in Jay Lenos Late Night Show zum ersten Mal einen Anzug trug und sein Talkshow-Gastgeber ihn nicht nur nach dem ausstehenden Hundekauf für seine Kinder befragte und nach dem "coolen Gefühl", in der Präsidentenmaschine Airforce One zu fliegen. Sondern dass er ausgiebig über Amerikas schwierige Wirtschaftslage und die schamlose Selbstbedienung einiger Wirtschaftsmanager reden durfte.

Allein deshalb war er auch am Donnerstag gekommen und hatte sich in einen weißen Sessel auf einer glitzernden Studiobühne gesetzt. Es war der erste Auftritt eines amtierenden amerikanischen Präsidenten in einer mitternächtlichen Talkshow, sagen die Statistiker. Sagt auch Jay Leno stolz.

Barack Obama ist derzeit omnipräsent. Er will und muss auch allgegenwärtig sein, um die Lufthoheit über den Stammtischen zu gewinnen. Die Amerikaner sind zurecht wütend über jene 165 Millionen Dollar, die der nur noch mit Staatsgeld am Leben erhaltene Versicherungskonzern AIG an seine erfolglosen Finanzmanager ausgeschüttet hat.

Obama will dem Volk sein Handeln erklären

Das Wahlvolk will wissen, wie das geschehen konnte. Warum der neue Finanzminister Timothy Geithner davon angeblich erst spät erfuhr? Warum er nicht sofort die Notbremse gezogen hat und unverzüglich seinen Präsidenten informierte? Erklärungen gibt es dafür viele - die vertraglichen Zahlungsverpflichtungen des AIG-Konzerns, das personell immer noch stark unterbesetzte Finanzministerium, die Lawine an Problemen. Aber wirklich vernünftig erklären lässt sich das Debakel nicht.

Barack Obama ist deshalb ausgezogen, um den Amerikanern zu erläutern, dass die staatlichen Geldspritzen für AIG und die Selbstbedienung einiger Angestellter zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Die Rettung des Konzerns, so Obama, sei unabdingbar, denn wenn AIG untergehe, gingen auch viele Banken unter - und damit auch Amerikas Kreditmarkt und am Ende die gesamte Wirtschaft. Bonuszahlungen an unfähige Manager aber müssten unterbunden werden, so Obama. Am Besten, bevor das Kind in den Brunnen gefallen sei. Im Notfall, wie jetzt, aber auch danach.

Alle sind wütend auf die Manager da oben. Das Volk, die Medien, der Finanzminister, der Kongress, der Präsident. Todesdrohungen gingen in der Firmenzentrale ein. Ein republikanischer Politiker empfahl den gierigen Finanzjongleuren, nach japanischer Art entweder abzudanken oder sich das Leben zu nehmen. In ihrem Zorn pfeifen alle plötzlich auf den sonst so hochgehaltenen Persönlichkeitsschutz und veröffentlichen Listen mit den vollständigen Namen der Boniempfänger.

Im Volkszorn liegt eine große Gefahr

Am Dienstag versprach der neue Chef von AIG, soviel Geld wie möglich zurückzugeben. Etliche der mit den Ausschüttungen bedachten AIG-Mitarbeiter hätten schon ihre Bereitschaft bekundet, mindestens die Hälfte zurückzuerstatten. Am Mittwoch entschied das Repräsentantenhaus in einer Hauruck-Abstimmung: Wer nicht freiwillig zahlt, wird bis zu 90 Prozent besteuert. So schnell kann plötzlich ein Gesetz über die parlamentarischen Hürden springen. Selbst hartgesottene Republikaner, für die Steuererhöhungen sonst Teufelswerk sind, votierten dafür.

Für Obama liegt in dem Volkszorn eine große Gefahr. Er wird weiteres Geld für die notleidenden Banken und die marode Wirtschaft brauchen. Vor allem benötigt er jetzt Rückhalt für seinen dreieinhalb Billionen Haushalt und die darin versteckten Gesundheits-, Bildungs- und Energieversorgungsreformen. Doch wenn die Wähler und die Abgeordneten zu der Auffassung gelangen, die neue Regierung werfe mit Dollars nur so um sich und kontrolliere nicht, werden sie den Geldhahn zudrehen. Obamas Plan, Amerika von Grund auf zu erneuern, wäre damit Makulatur.

Mit freundlicher Genehmigung von Zeit Online

Video des Auftritts

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