Politik : Festgemauert in der Erden

Von Anja Kühne

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Was hat sich seit Pisa vor drei Jahren geändert? Nichts, sagen viele Eltern. Manchen Lehrern sei die Schule egal, neue Ideen seien nicht in Sicht. Die Lehrer dagegen klagen über die Eltern. Viele dächten nicht daran, die Kinder anzuspornen. Außerdem stöhnen die Pädagogen über die höhere Arbeitsbelastung, die ihnen die Politik aufgebürdet hat. Sie spotten zynisch, die Hersteller von Schulmöbeln spezialisierten sich zunehmend auf schmalere Tische und Stühle – damit die stetig wachsenden Schülergruppen noch in die Klassenräume passen. Und jetzt die Ergebnisse von Pisa II!

Die Schulen wirken so starr wie die wilhelminischen Mauern, die sie umgeben. „Veränderungsresistent“ nennt das ein Lehrer. Noch immer wird der Alltag von einem monotonen 45Minuten-Rhythmus, von voll gestopften Lehrplänen und einem Korsett an Vorschriften bestimmt. Es hat sich nicht in jedem Klassenzimmer alles gebessert nach Pisa I.

Hat sich aber gar nichts bewegt? Natürlich kann im Moment noch niemand sagen, wie der kleine Aufstieg deutscher Schüler beim neuen Pisa-Test in Mathematik zu bewerten ist. Vielleicht sind die Leistungen 15-jähriger Schüler jetzt tatsächlich besser als vor drei Jahren. Vielleicht verdankt Deutschland seinen 17. Platz aber auch nur dem Abrutschen anderer Länder. Näheres weiß man erst in zwei Wochen, wenn die Experten die neue Pisa-Studie öffentlich vorstellen.

Jedenfalls fällt die Bilanz der vergangenen Jahre gemischt aus. Die Ausgaben für Bildung gehen in vielen Ländern zurück oder stagnieren. In Haupt- und Berufsschulen herrscht Lehrermangel. Und die Reform der Lehrerausbildung verläuft enttäuschend. In Berlin werden die angehenden Pädagogen auch weiterhin zuerst jahrelang ihr Fach studieren, bevor sie lernen, mit Schülern umzugehen.

Es gibt aber auch Anlass zur Hoffnung. Alle westlichen Bundesländer, auch Berlin, prüfen inzwischen die Sprachkenntnisse von Kindern im Vorschulalter. Können die Kinder noch nicht richtig Deutsch, gehen sie in Vorkurse. Allenthalben werden die Schüler früher eingeschult, es gibt flexible Schuleingangsphasen, in denen sich schwache Kinder besser fördern lassen. Kitas entwickeln sich zu Bildungseinrichtungen.

In hunderten von Schulen – bald sollen es tausende sein – wird der Unterricht in Mathematik und den Naturwissenschaften mit dem großen Sinus-Projekt von Bund und Ländern verbessert. Damit die Lehrer wissen, wo ihre Schüler stehen, gibt es inzwischen Vergleichsarbeiten und Bildungsstandards. Nun muss die Schule sich auch dazu durchringen, Schüler mit Schwächen gezielt zu fördern. Bestimmt kann dabei die Ganztagsschule helfen, in die der Bund nach Pisa I vier Milliarden Euro investiert hat. Im Schuljahr 2002/2003 nahm im Schnitt jedes zehnte Kind am Ganztagsschulbetrieb teil, in Sachsen, Berlin und Thüringen mehr als jedes fünfte. Inzwischen dürfte die Zahl auch bundesweit gestiegen sein.

Trotz erster Erfolge muss die Politik noch deutlichere Zeichen setzen. Wer wirklich schwache Schüler fördern will, braucht dazu Personal. Die Subventionen für die Eigenheimzulage wären also in der Bildung besser angelegt. Schule ist eine nationale Aufgabe. Deshalb dürfen die Länder den Bund auch nicht völlig aus der Bildungspolitik drängen. Auch hier geht es für die Schulen um Geld.

Die Schulreform ist aber nicht allein eine Aufgabe der Politik. Lehrer, Eltern und Schüler sollten nicht auf Anweisungen aus der Verwaltung warten, sondern selbst die Ärmel aufkrempeln. Die Lehrer könnten sich mit engagierten Kollegen zusammentun und Eltern oder Großeltern mit ins Boot holen. Vielleicht möchten manche von ihnen Vorlesepate der Stiftung Lesen in der Schule werden. Vielleicht gibt es einen Großvater, der Tischler war und nun Zeit hat, den Schülern zu zeigen, wie man sägt und bohrt.

Die Summe solcher Anstrengungen macht die bessere Schule, nicht Selbstzerfleischung. Apropos Pisa und Mathematik. Der griechische Mathematiker Archimedes hat gesagt: „Gebt mir einen Platz zum Stehen, und ich werde die ganze Erde aus den Angeln heben.“ Vom Zuschauen hat er dabei nicht gesprochen.

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