Politik : Feuer an der Tankstelle Von Clemens Wergin

-

Die Attentäter von Chobar haben ihr Ziel erreicht: Der Ölpreis ist am Dienstag kräftig gestiegen. Die Welt macht sich Sorgen, ob SaudiArabien ins Wanken gerät. Und ob es Al Qaida gelingen könnte, mit dem Regime in Riad auch die Fundamente wegzubomben, auf denen die Weltwirtschaft steht.

In Saudi-Arabien zeigen sich die Probleme der Region wie in einem Vergrößerungsglas. Wie auch die Widersprüche, in die der Westen gerät, wenn er demokratische Reformen in der Region voranbringen will. Die hat Saudi-Arabien so nötig wie kaum ein anderes arabisches Land, weil nirgendwo so viel verboten ist wie hier – Disko, Kino oder Theater genauso wie das Flirten. Auch von Demokratie und Meinungsfreiheit keine Spur. Wenn dann noch 60 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahren sind, haben es Extremisten leicht, Unmut in Aktion zu verwandeln.

Man mag sich lieber nicht ausmalen, was der Sturz der saudischen Prinzengarde für Schockwellen über den Globus senden würde. Denn wie in so vielen nahöstlichen Ländern sind die radikalen Islamisten die am besten organisierte Oppositionsgruppe, wären also am ehesten in der Lage, ein Machtvakuum zu füllen. Auch weil linke und weltliche Dissidenten meist im Gefängnis sitzen. Nur die Regimegegner, die von den Kanzeln der Moscheen aus agitieren, sind nicht so einfach zu bekämpfen, weil sie im Gewand des Islam daherkommen.

Auf zwei Säulen ruht das saudische Königshaus: auf den Öltantiemen und der wahabitischen Ideologie. Beides wird immer mehr zum Fluch. Seit Beginn der 80er Jahre sank das Pro-Kopf-Einkommen der Saudis rapide, weil es nicht mehr so viel zu verteilen gab in einem Land, wo man das Arbeiten meist den Ausländern überließ und sich ansonsten auf den Scheck vom Staat verließ. Die Versorgungsmentalität, die einst die Loyalität zum Königshaus sichern sollte, behindert nun die nötigen Veränderungen. Auch wenn die hohen Ölpreise kurzfristig mehr Geld in die Kassen spülen: Auf Dauer ist der Rentierstaat nicht zu finanzieren.

Aber auch ideologisch geraten die Saudis unter Druck. Weil sich ihr radikales Geisteskind, der Wahabismus, selbstständig macht. Saudi-Arabien ist eine Art königliche Theokratie. Von der strikten, buchstäblichen Religionsauslegung, die Bin Abdul Wahhab im 18. Jahrhundert entwickelte, bis zu den Denkgebäuden islamischer Terroristen ist es nur ein kleiner Schritt. Jahrzehntelang haben die Saudis mit viel Geld in aller Welt Moscheen und Religionsschulen gebaut und ihre mittelalterliche Lesart des Islam Millionen von Muslimen anerzogen. Nun kehrt diese krude antiwestliche Ideologie in militanter Form an ihren Ausgangsort zurück.

Al Qaida geißelt die Königsfamilie als Handlanger des Westens. Nicht einmal zu Unrecht. Erst vergangene Woche haben die Saudis erneut bewiesen, wie wichtig sie für unsere Wirtschaft sind, als sie angesichts steigender Preise die Ölproduktion ankurbelten. Wer nach den jüngsten Attentaten aber nun den Reformdruck von den Saudis nehmen will, um das Regime nicht zu gefährden, begeht einen Fehler. Die verbreitete Vorstellung, entweder bleibt Saudi-Arabien eine stabile Diktatur oder es droht das islamistische Chaos, formuliert eine falsche Alternative. Wenn das Haus Saud fällt, dann nicht wegen zu viel Öffnung, sondern weil es zu viele frustrierte junge Männer in die Arme der Radikalen treibt. Umgekehrt gilt: Je mehr Raum moderate Oppositionelle erhalten, ihre Meinungen zu artikulieren, desto weniger Sympathisanten findet Al Qaida.

Diese Herausforderung haben die Herrscher offenbar noch nicht begriffen, sonst würden nicht weiter so viele Menschenrechtsaktivisten in saudischen Gefängnissen sitzen. Da muss mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden, nicht nur von den USA. Außenminister Colin Powell hat sich im März intensiv für eine Gruppe saudischer Dissidenten eingesetzt. Auch die Europäer müssen mehr tun, als nur Kraftwerke und Waffen zu verkaufen. Wenn die Saudis am Projekt Moderne scheitern, fliegt die Tankstelle der Welt uns allen um die Ohren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar